Zeugnisse des Okkulten : Literatur und Esoterik im Wiener Fin de Siècle

/ Kira Kaufmann

Wien : 2022

Kira Kaufmann

Dissertation

Betreut von: Roland Innerhofer

Die „Zeugnisse des Okkulten“ versuchen, das Okkulte als integralen Bestandteil der Moderne sichtbar zu machen. Im Vordergrund stehen Wechselwirkungen zwischen Literatur und Okkultismus bzw. Esoterik – und wie sie sich „ablesen“ lassen. Die „Zeugnisse“ stehen vor der Herausforderung, etwas nicht per se Greifbareres darzustellen (es heißt immer „das Thema lag in der Luft“, Zeitgeist, Stimmung). Im Auswählen und Anordnen, also in der Zusammenführung von Paradigma und Syntax (Roman Jakobson) erweist sich das Zitat ist das kleinste Ausstellungsstück. Das Zitat ist zugleich eine Geste der materiellen Grenze: Es gibt immer einen an den abgegrenzten Satz angrenzenden Satz oder Gedanken. Im Umgang mit dem Angrenzenden – so die ermittelte „Quintessenz“ der vorliegenden Arbeit – zeigt sich das Moderne. Das Herzstück dieser Arbeit bilden die insgesamt neun Kapitel, die jeweils eine thematisch gebündelte Schnittstelle an Grenzwissen herausgreifen, die dann anhand von meist einem, manchmal auch mehreren, literarischen Texten beleuchtet wird. Else Jerusalem Heiliger Skarabäus aus dem Jahr 1909 nimmt hierbei eine Schlüsselrolle ein. Das dritte Kapitel legt nahe, das umfangreiche und auflagenstarke Werk als theosophischen Bildungsroman zu lesen und unser Bild der Moderne dementsprechend zu adaptieren. Die Lektüre dieses Romans stand am Beginn des Dissertationsvorhabens, indem sie veranlasste zu fragen, wie sich okkultes Wissen, als verborgenes, aber zugängliches, zu Hochschulwissen, das nicht verborgen, aber eben auch nicht zugänglich ist, zueinander verhalten. Die Restriktion und Exklusivität von Wissen ist um 1900 speziell, die theosophischen Logen und Zirkel spielen eine wichtige Rolle, denn sie erreichen auch Frauen, denen der Hochschulzugang nicht erlaubt war. Somit zieht sich die Frage nach Verbindungen weiblicher Autorschaft und Okkultismus wie ein roter Faden durch die neun Kapitel. Die Arbeit schließt mit Überlegungen zu Entsprechungen zwischen dem Kosmos, verstanden als das geordnete Ganze, und dem literarischen – gemachten – Text. Es bleibt zu fragen, wie sich die philologische Arbeit zu einem Bedeutungsraum verhält, worin nichts zufällig und alles bedeutsam ist.