/ Stefan Sonntagbauer
Wien : 2025
Dissertation
Betreut von: Roland Innerhofer
Die Gretchenfrage der Horror Studies lautet seit jeher: Warum brauchen wir Horror? – Warum beschäftigen wir uns mit Geschichten, die uns zutiefst ängstigen und verstören? – Und wo nimmt das alles seinen Anfang? Die Arbeit zeigt, wie sich der Horror als Antwort auf eine heroische Wende entwickelt: Um 1800 rückt der Mensch ins Zentrum der Welt. Als autonome, selbstregulierende und wirkmächtige Instanz tritt er an die Stelle Gottes. Doch zugleich entstehen neue Ängste. Schattenhafte Persönlichkeitsanteile, animalische Triebe und tabuisiertes Begehren drohen, das Subjekt von innen her zu entmachten. Zugleich wird es mit äußeren Kräften konfrontiert: Mit der bürgerlichen Ordnung entstehen neue (Selbst-)Technologien, die eine vertiefte Kontrolle über das Subjekt versprechen. Am Übergang in die Moderne kommt es zu einer erzählerischen Revolution. Um das heroische Subjekt entsteht eine Mythologie der Verselbstung: Der Bildungsroman etwa zeigt, wie junge Männer etwas aus sich machen, um danach ihren Platz in der Welt zu behaupten. Genau hier setzt der Horror an. Er konstituiert sich in einer radikalen Abstoßung. Als narrative Gegenmacht zeigt er die dunkle Seite heroischer Subjektkonstruktionen auf. Antiheroisches Erzählen stellt den Menschen in seiner Verwundbarkeit, Abhängigkeit und Durchlässigkeit ins Zentrum. Dabei löst er auch die moralische Polarisierung auf: Der Teufel als Figuration des Urbösen verschwindet. Neue Motive wie Doppelgänger, Vampir oder Automate treten an seine Stelle. Revolutionäre Plots teilen die Welt nicht mehr in Gut und Böse – vielmehr verdichten sie die Krise des modernen Subjekts. So realisiert der Horror, was Foucault als Kritik bezeichnet hat – die „Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden“. Als antiheroisches Erzählen präsentiert er keine positive Vision vom Menschen, sondern dekonstruiert heroische Konfigurationen von Subjekt, Macht und Technologie. Die Arbeit spannt einen Bogen vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart: von Hoffmanns Der Sandmann (1816) über Kings The Shining (1977) zu Fargeats The Substance (2024). Dabei behandelt sie literarische und filmische Werke gleichrangig – die entscheidenden Innovationsschübe vollziehen sich in beiden Leitmedien des Horrors. Gleichzeitig zeigt die Arbeit, wie die deutsche Romantik den globalen Horror-Diskurs entscheidend mitgeprägt hat, und schließt so eine zentrale Forschungslücke. Dabei leistet sie einen entscheidenden Beitrag zur Narratologie. Die Plotmuster des Horrors zeigen klar: Struktur ist nicht bloß Skelett, sondern die DNA der Erzählung – sie trägt Menschenbild, ideologische Ausrichtung und gesellschaftliche Positionierung von Anfang an in sich.