Verschlungene Narrative : Anthropophagie als Metapher in den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm

/ Thomas Macher

Wien : 2024

Masterarbeit

Betreut von: Pia Janke

Die Persona des Menschenfressers hat in der Kulturgeschichte der Menschheit einen Fixplatz, der seinesgleichen sucht. Ebenso wie der Kannibale verschlingt, ist er nicht nur gleichsam Verschlungenes, in Form seiner Verkörperung innerhalb der Literatur, sondern auch eng mit der DNA des Geschichtenerzählens an sich verschlungen. Eine der frühesten literarischen Gattungen macht sich die Wirkungsmacht dieser Figur zunutze: Das Märchen, das nahezu so alt ist, wie die menschliche Kultur selbst. Egal, ob im alten Ägypten, im antiken Griechenland, zur Zeit der deutschen Romantik oder in der Moderne – Geschichten dieser Art berichte(te)n von strahlenden Held*innen, König*innen und bitterarmen Existenzen, der Grausamkeit der Natur und den Widrigkeiten des Erwachsenwerdens, von Ungeheuern, Hexen und Monstern aus den eigenen Reihen und eben auch von innerartlichem Verzehr. Ebenso verschieden wie der Inhalt der Geschichten ist dabei die Ausprägungsform der kannibalistischen Praktik: In aller Heimlichkeit oder öffentlich, gänzlich ohne jegliche Scham, werden Jungfrauen für den späteren Verzehr gesalzen oder Kinder zubereitet und anderen unwissentlich serviert. Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung wird die metaphorische Dimension der Anthropophagie anhand beispielhaft ausgewählter Märchen der Brüder Grimm untersucht. Die Analyse geht dabei über eine bloße Essensmotivik hinaus und behandelt ethnologische, psychoanalytische und zwangsläufig auch gesellschaftspolitische Fragen, die sich unter anderem mit Geschlechterverhältnissen beschäftigen. Die kannibalistischen Vorkommnisse in den Märchen helfen letztlich dabei zu offenbaren, wie kathartische Grenzüberschreitung und Tabubruch in Form des Zubereitens und Essens von Menschen als Stilmittel eingesetzt werden. Dabei sind nicht nur die kulturelle Geschichte des Kannibalismus, sondern auch grundlegende literaturwissenschaftliche Spezifika der Metapher, der Märchenforschung und der Anthropologie von Relevanz. Dieses Instrumentarium erlaubt es, zusammen mit ethnologischen und psychoanalytischen Exkursen, die Wirksamkeit des genannten literarischen Topos zu ergründen. Die Ergebnisse lassen sich verschiedenen Deutungskategorien zuordnen (unter anderem Marginalisierung, Geschlechterverhältnissen oder der Verarbeitung von Hungersnöten) und sind dabei so verschieden wie frappant. Je nach Betrachtungsweise lassen sich die unterschiedlichsten Schlüsse aus dem Bedürfnis nach dem Verzehr von Menschenfleisch ziehen.