Ritus, Schrift und Machtgefüge : interreligiöse Diskurse im Spannungsfeld sprachanalytischer Schreibverfahren am Beispiel ausgewählter Texte von Josef Winkler, Barbara Frischmuth und Elfriede Jelinek

/ Christian Schenkermayr

Wien : 2016

Christian Schenkermayr

Dissertation

Betreut von: Pia Janke

Ausgangspunkt der Dissertation ist die in literaturwissenschaftlichen Arbeiten der vergangenen drei Jahrzehnte mehrfach konstatierte Tendenz, dass die Werke zahlreicher sterreichischer AutorInnen nach 1945 sowohl auf formaler als auch inhaltlicher Ebene stark von den Erfahrungen ihrer katholischen Erziehung und der liturgischen Sprache geprgt sind. Anders als bei den meisten SchriftstellerInnen dieser Generation (z.B. Peter Handke, Friederike Mayrcker, Ernst Jandl, Thomas Bernhard etc.) werden von Barbara Frischmuth, Josef Winkler und Elfriede Jelinek im Laufe ihres literarischen Schaffens auch vermehrt interreligise Diskurse und Motive in ihren Texten aufgegriffen und literarisch verarbeitet. Im Rahmen der Dissertation wird am Beispiel ausgewhlter Texte der drei AutorInnen, die zwischen 1996 und 2008 erstmals publiziert wurden, das Spannungsverhltnis von katholisch geprgter Sprachkritik und den in den jeweiligen Werken thematisierten interreligisen Diskursen systematisch analysiert. Unter Bercksichtigung der fr die Literaturwissenschaft relevanten Erkenntnisse poststrukturalistischer (v.a. postkolonialer) Theorien wird dabei insbesondere auf die Romane "Domra. Am Ufer des Ganges" (1996), "Die Schrift des Freundes" (1998), "Die Entschlsselung" (2001), "Vergiss gypten" (2008) sowie die Theatertexte "Babel" (2004) und "Abraumhalde" (2008) eingegangen. Wenngleich sich die sthetischen Konzeptionsweisen ihrer Texte in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelt haben, erffnet die sowohl fr Frischmuths als auch fr Jelineks und Winklers Werk bis heute charakteristische Betonung des Materialcharakters der Sprache zahlreiche stilistische und thematische Vergleichsmglichkeiten in Bezug auf die genannten Werke. So werden im Rahmen der Arbeit etwa die unterschiedlichen Formen der Literarisierung religiser Riten unter anderem am Beispiel der in Josef Winklers Roman "Domra. Am Ufer des Ganges" geschilderten hinduistischen Einscherungsprozessionen in Varanasi und deren sprachmimetische Engfhrung mit dem Katholizismus untersucht. Eine weitere zentrale Ebene der Analyse ist die Frage nach der literarischen Verarbeitung religiser Schriften, die sowohl als Projektionsflchen interreligiser Diskurse (z.B. bei der Gegenberstellung von Deutungsversuchen eines Briefwechsels zwischen der katholischen btissin Wendlgard vom Leisling und dem islamischen Mystiker und Dichter Nesm in Barbara Frischmuths "Die Entschlsselung"), vor allem aber als Inszenierung von Widersprchen fungieren, die nicht aufgelst, sondern im Gegenteil ins Zentrum des literarischen Konzepts gerckt werden (eine Funktion, die in Elfriede Jelineks Essay "Das Wort, als Fleisch verkleidet" als konstitutive Eigenschaft der Schrift definiert wird).