/ Stephanie Marx
Wien : 2024
Dissertation
Betreut von: Konstanze Fliedl
Die vorliegende Studie untersucht die politische Dimension der Neuen Sachlichkeit und widmet sich damit einem der streitbarsten Themen in den kulturellen Debatten der Zwischenkriegszeit. Neusachliche Texte zeichnen sich durch ihre Öffnung hin zu einer Gebrauchsliteratur und mithin durch die Verringerung der Distanz zwischen Kunst und Leben, Literatur und Politik aus. Diese Ausrichtung scheint in den 1920er und frühen 1930er Jahren jedoch keine hinreichende Bedingung (mehr) zu sein, um ihnen auch politische Wirksamkeit zuzusprechen. Die anhaltenden zeitgenössischen Diskussionen über das politische Potenzial realistischer Literatur sind der Ausgangspunkt für eine (Neu-)Befragung der politischen Qualität neusachlichen Schreibens, die hier anhand eines disparaten Ensembles von Autor*innen geführt wird: Maria Leitner, Joseph Roth und Irmgard Keun. Alle drei entwickelten je eigene realistische Darstellungsweisen und ihre Artikulationsformen einer ‚politischen Literatur‘ weichen stark voneinander ab. Zugleich steht jede*r von ihnen exemplarisch für eine bestimmte Variante neusachlicher Literatur, wodurch die heterogene Strömung in ihrer ganzen Breite ausgeleuchtet werden kann. Aufgrund der Verschiedenheit der Autor*innen war der Entwurf eines historisch spezifischen Analyserasters für die Auseinandersetzung mit der politischen Qualität der Texte vonnöten. Dieses berücksichtigt einerseits die neusachliche Verringerung der Distanz zwischen den Bereichen Literatur und Politik und andererseits ein Kriterium des Politischen, das in dem Vermögen besteht, auf inhaltlicher und sprachlicher Ebene Alternativen zum Bestehenden aufzuzeigen. Mit Bezug auf den mentalitätsgeschichtlichen Hintergrund wird dieses politische Prinzip als Frage danach konzeptualisiert, wie die Texte die Begegnung mit Kontingenz choreographieren. Beide Dimensionen – das Näheverhältnis zu der Politik und der (politische) Umgang mit Kontingenz – sind in den Texten von Leitner, Roth und Keun nicht nur unterschiedlich gestaltet, sie werden auch in ein je anderes Verhältnis zueinander gesetzt. Wenn die Neue Sachlichkeit im Ergebnis als politischer Realismus konturiert wird, soll und kann der zeitgenössische Streit damit nicht geschlichtet werden. Viel eher wird die Strömung als Streitfall produktiv gemacht, um davon ausgehend das Nachdenken über die politische Dimension der Literatur vertiefen zu können.
