Niemand zu Gast? : Hospitalität im Werk Franz Kafkas

/ Caroline Scholzen

Wien : 2018

Dissertation

Betreut von: Arno Dusini

In der Arbeit mit dem "Titel Niemand zu Gast? Hospitalitt im Werk Franz Kafkas" wird das Thema der Gastfreundschaft in Auseinandersetzung mit der zentralen Frage behandelt, ob und inwiefern die von Jacques Derrida in "Von der Gastfreundschaft" angenommene paradoxe Aporie zwischen einem bedingten und einem unbedingten Gastrecht von Kafka auf poetologischer, semantischer und performativer Ebene problematisiert wird. Als Ausgangspunkt der Analyse dient Derridas Behauptung, dass die transzendentale "Instanz des Gesetzes" im Moment ihrer Realisierung Fiktionalitt und Historizitt a priori Gastfreundschaft gewhrt. Es wird dargelegt, dass Kafka genau diese fr die Realisierung jeder Art von Gesetz notwendige Gastfreundschaft nutzt, um die gewaltsame Gesetzeskraft seiner Stze als urteilslogische Festsetzungen innerhalb des Schreib-und Leseprozesses verschiebend aufzuheben. Durch diese Retardationen wird gleichzeitig vorausgesetzt wie verhindert, dass das sprachlich Gesetze oder das Gesetz und die Sprache jedem und immer zugnglich sein soll. Aufgrund der immer wieder aufgeschobenen Eintrittserlaubnis kann das "Tor zum Gesetz" sowohl in seiner fr jeden einzeln Eintretenden bestehenden gleichen Gltigkeit als auch in seiner Gleichgltigkeit als Jedermannsphrase nicht geschlossen werden. Um den Anschauungsverlust zu thematisieren, der durch die Gewhnung an Denk- und Sprachformen entsteht, verfremdet Kafka Bekanntes ebenso wie er Fremdes als selbstverstndlich darstellt. So problematisiert er beispielsweise die Entfernung der Gemeinsprache vom individuellen Sprechakt, die bei der Verwendung von festen Wortkombinationen wie Phrasen auftritt, indem er ihre primre wrtliche Bedeutung aktualisiert und gestisch in Szene setzt. Es handelt sich um einen aufklrerischen Anspruch an eine zu gewohnte und zu gewhnlich gewordene Sprache, den Kafka an sein Schreiben und damit auch an seine Leser stellt. Ein Ziel dieser Arbeit besteht darin, hnlichkeiten und Unterschiede von Kafkas sprachkritischer Position mit der Metaphernkritik Immanuel Kants aufzuweisen. Dass Kafka eine kommunikationstheoretische Umdeutung der Erkenntnistheorie Kants unternimmt, stellt ein Ergebnis dieser Untersuchung dar. Fr diese Umdeutung ist wesentlich, dass er die von Kant fr seine Argumentation gegen eine mgliche Gegenwart von Geistern hervorgehobene Unterscheidung zwischen einer durchdringlichen und undurchdringlichen materiellen Substanz verwirft. Kafka wei, dass das von Kant als Krankheit verachtete Geistersehen fr das Verfassen eines Briefes und fr jegliche Kommunikation mit nicht krperlich anwesenden Kommunikationspartnern notwendig ist. Im Gegensatz zu Kant setzt sich Kafka mit der Existenz von Zeichen und Medien in ihrer Wirkung auf den Menschen auseinander. Er inszeniert sie als Besucher, die seine Protagonisten ansprechen, mit ihnen spazieren gehen, auf den Trschwellen ihrer Hauseingnge stehen oder als erwartete, wenn auch gespenstige Gste in ihre Zimmer eintreten. Kafkas kommunikationstheoretischer Konkretisierungsversuch wird als dialogisches Aufbrechen jeder Art von Gesetzeskraft mit dem Dialogizitts-Konzept Michail M. Bachtins in Bezug gesetzt. Dieses entwickelte Bachtin, der in seinen frhen Jahren Kantianer war, als Kritik an der kantischen Transzendentalphilosophie. Es wird in der Arbeit aufgewiesen, dass Kafka hnlich wie Bachtin versucht, Kants theoretischem Apperzeptionsbegriff einen Begriff von sthetischer Apperzeption entgegenzustellen, mittels welcher jeglicher uerungsakt an die an der uerung beteiligten Subjekte rckgebunden werden soll.