/ Lukas Kosch
Wien : 2023
Dissertation
Betreut von: Günther Stocker
Mit der von Hans Robert Jauß und Wolfgang Iser entwickelten Rezeptionsästhetik wurde Ende der 1960er Jahre das Lesen literarischer Texte Gegenstand konkreter literatur-wissenschaftlicher Überlegungen. Diese Ansätze legten den Fokus jedoch weniger auf die bei der Lektüre ablaufenden Prozesse des Lesens, sondern auf die Konzeption von Leser:innen, die selbst als eine Struktur des Textes aufgefasst wurden. Die Ablehnung empirischer Verfahren hatte zur Folge, dass sich die tatsächlich auf die Analyse von Rezeption ausgerichtete Forschung nicht nur unabhängig von der Rezeptionsästhetik, sondern geradezu gegen sie positionierte. Diese Arbeit versucht die Kluft zwischen literaturwissenschaftlichen Lesetheorien, die Rezeptionsprozesse wenig berücksichtigen, und der empirischen Leseforschung, die sich kaum auf textzentrierte Lesetheorien stützt, für die Analyse literarischer Leseprozesse zu überwinden und das literarische Lesen in einem transdisziplinären Feld zu verorten. Über die Zusammenführung von Text und Lesenden hinaus liegt der Fokus vor allem auf der Analyse des spezifisch literarischen Leseprozesses, der als aktiver Austausch und Transaktion von Textmerkmalen und Rezeptionshandlungen zu begreifen ist. Das literarische Lesen wird dadurch beschreibbar, dass Textstrukturen im fortlaufenden Lektüreprozess auf ihr Rezeptionspotential und die notwendigen kognitiven und emotionalen Lesekonstruktionen hin untersucht werden. Zentrales Ziel ist die Bestimmung einer kohärenten Begrifflichkeit für die Beschreibung der Interaktion von Text und Lesenden beim literarischen Lesen anhand der Erzählung Der Sandmann von E. T. A. Hoffmann.
