/ Jonas Mirbeth
Wien : 2024
Dissertation
Betreut von: Burkhardt Wolf
Das revolutionäre Jahr 1968 nimmt angesichts der Verbindung von antikolonialem Protest und klassenkämpferischer Theoriebildung einen besonderen Stellenwert im Forschungsfeld der Theoriegeschichte ein. In zahlreichen Zeitschriftenaufsätzen von Roland Barthes, John Cage, Julia Kristeva, Jacques Rancière sowie Christian Wolff findet sich bis in die Mitte der 1970er Jahre immer wieder die maoistische Figur der revolutionären Massen. Gegenstand des Dissertationsprojektes ist damit das Verhältnis, bei dem die Vertreter der Theorie- und Avantgardediskurse zeitweilig im Bann der chinesischen Kulturrevolution (1966 bis 1976) standen. Die Verbindungslinien zwischen der französischen Theorieproduktion, ihrer Rezeption in den USA sowie der US-amerikanischen Avantgardeliteratur zeigen, dass die Kulturrevolution in eine der ‚Ursprungserzählungen‘ der westlichen Theoriegeschichte eingeschrieben ist. Mao Zedongs Theorie der Massenlinie und seine Skepsis gegenüber dem bürokratischen Kaderapparat machten aus der Kulturrevolution eine Erzählung, in der es keine Meister gab. In der Realität aber hatte der ab 1949 aufgebaute bürokratische Apparat ein System zur Erfassung personenbezogener Daten und eine ausdifferenzierte Klassengesellschaft auf den Weg gebracht. Angesichts der Millionen Opfer, der staatlichen Repression und des Ringens der Partei um ihren Machterhalt enden mögliche Parallelen zwischen der Kulturrevolution und den westlichen Protestbewegungen von Achtundsechzig. Das Dissertationsvorhaben zeigt, dass die Erzählung über Meisterschaft – zentral sowohl für das Forschungsfeld von Theorie- als auch Intellektuellengeschichte – hierbei das entscheidende Faszinationsmoment markiert. Die Schriften Maos animierten die Komponisten Cage und Wolff zu Beginn der 1970er Jahre, politische Herrschaft mit Blick auf die Rolle der Arbeiterbewegung zu hinterfragen; ab 1974 beschrieben Barthes, Kristeva und Rancière die Ereignisse während der Kulturrevolution zunehmend unter der Perspektive von Geschlecht und Klassendiskurs. Anstelle einer Revolution der poetischen Sprache rückten Fragen der gesellschaftlichen Hegemonie in den Fokus der ‚Theorie‘. Das Vorhaben erklärt diese Entwicklung, die insbesondere aus ihrer transnationalen Übersetzungsgeschichte zu denken ist. Denn erst in den USA und vor dem Hintergrund der Emanzipationsbewegungen dort entstand der intellektuelle sowie interdisziplinäre Grenzen überwindende Stil der Theoriediskurse.