Das pädagogische Auslandspraktikum als biographisch geprägte Lern- und Entwicklungsmöglichkeit : eine gegenstandsbegründete Theorie zur Teilnahme von Lehrerinnen am bilateralen Fremdsprachenassistenzprogramm

/ Silvia Flotzinger-Aigner

Wien : 2013

Dissertation

Betreut von: Klaus-Börge Boeckmann

Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses steht die Teilnahme von Lehrerinnen (in Ausbildung) an einem pädagogischen Auslandspraktikum. Pädagogische Auslandspraktika wie der bilaterale Fremdsprachenassistenzaustausch, an dem die empirische Untersuchung verortet wird, zeichnen sich durch drei Bestimmungsmerkmale aus: erstens durch das ausländische Umfeld, zweitens geht es um berufliches Lernen an authentischen Situationen, drittens findet das Praktikum im Tätigkeitsbereich von Bildung und Erziehung statt. Österreichische Fremdsprachenassistentinnen assistieren mehrere Monate lang an einer Schule im Ausland im Fach Deutsch als Fremdsprache. Das Forschungsziel besteht in der Entwicklung einer gegenstandsbegründeten Theorie zu Unterrichtserfahrung im Ausland und Berufseinstieg als Lehrerin. Gemäß der ‚Grounded Theory Methodology’ (GTM) wird offen an das Feld herangegangen. Allgemeine Fragen nach den Zusammenhängen, die Lehrerinnen zwischen ihrer Unterrichtserfahrung im Ausland und dem Berufseinstieg in Österreich sehen, leiteten zu Beginn die Untersuchung. Genauere Fragestellungen entwickelten sich über die sukzessive Erforschung des Gegenstands mittels der Methode des permanenten Vergleichs. Als theoretische Grundlagen dienen einerseits Erkenntnisse der Mobilitätsforschung: empirische Forschungsarbeiten zu studienbezogenen Auslandsaufenthalten und zu pädagogischen Auslandspraktika werden vergleichend dargestellt und der Frage nach Qualitätskriterien bei bildungsbezogenen Auslandsaufenthalten wird nachgegangen. Als weitere theoretische Basis stützt sich die Forschungsarbeit auf Erkenntnisse der Bildungs- und Erziehungswissenschaft: Ausgehend vom Begriff der Biographie wird der Berufseinstieg von Lehrerinnen als eine berufsbiographische Phase und dessen Erforschung betrachtet. Die berufliche Entwicklung von Lehrerinnen wird als Lernprozess beschrieben, Kompetenzfelder professioneller pädagogischer Praxis werden erläutert und lerntheoretische Grundlagen beleuchtet. In einem weiteren Abschnitt wird das bilaterale Fremdsprachenassistenzprogramm als Mobilitätsprogramm beschrieben, bevor die methodologische Verortung der empirischen Studie dargelegt wird. Den methodologischen Rahmen der Studie bildet die ‚Grounded Theory Methodology’. In einem ersten empirischen Schritt wurden Motivationsschreiben von Bewerberinnen (178 Texte) um eine Stelle als Fremdsprachenassistentin ausgewertet. Die Auswertung der Texte lieferte erste Aufschlüsse über den Forschungsgegenstand und Ideen für die weitere Richtung der Forschung. Das Vorgehen bei der Auswertung orientierte sich am thematischen Kodieren, einzelne Textabschnitte wurden einer Feinanalyse unterzogen und Memos verfasst, die als Theorienotizen festgehalten wurden. In einem weiteren Forschungsschritt wurde der retrospektive Blick auf die Teilnahme am pädagogischen Auslandspraktikum untersucht. Um diese Perspektive zu ergründen, wurden insgesamt 14 Interviews mit ehemaligen Fremdsprachenassistentinnen geführt. Die episodischen Interviews wurden thematisch ausgewertet. Eine Kurzbeschreibung der Fälle und eine biographische Vergleichsleiste ergänzen die Auswertung. Im Verlauf des Forschungsprozesses wurde eine gegenstandsbegründete Theorie entwickelt. Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass die Teilnahme am pädagogischen Auslandspraktikum eine biographisch geprägte Lern- und Entwicklungsmöglichkeit darstellt. Wesentliche Aspekte der beiden Kernkategorien – biographische Prägung und das Programm als Lern- und Entwicklungsmöglichkeit – sind die Latenz der biographischen Option, die biographische Verankerung und der subjektiv beigemessene Wert und Sinn einerseits sowie antizipierte und nichtantizipierte Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten und die Diversität der Lernumgebungen andererseits. Die Teilnahme am pädagogischen Auslandspraktikum ist unter anderem vom Interesse an Lernen und Entwicklung motiviert. Die gegenstandsbegründete Theorie mit den hier skizzierten Eigenschaften kann nicht nur auf die Teilnahme am bilateralen Fremdsprachenassistenzprogramm angewendet werden, sondern auf alle pädagogischen Auslandspraktika, die auf Basis ähnlicher Parameter operieren. Wesentliche Kriterien sind dabei die Zielgruppe, die Teilnahmebedingungen, die Aufenthaltsdauer und das Tätigkeitsprofil. Die Ergebnisse der Forschung legen eine Pädagogisierung von Mobilitätsprogrammen nahe, um so den Teilnehmerinnen die notwendigen Werkzeuge in die Hand zu geben, das Lernpotenzial von Auslandspraktika zu nützen.