Demokratie verstehen. Zur politischen Ästhetik der Kollektiv­stimme im langen 19. Jahrhundert

Neuere deutsche Literatur

Projektleitung: Sabine Müller

Projektteam: Alexander Hartl

Projektlaufzeit: 01.12.2020 - 30.11.2024

Fördergeber:
Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank

 

Abstract

Ausgangspunkt des kulturwissenschaftlichen Projekts ist die aktuelle Krise der westlichen Demokratien – die steigende Attraktivität antidemokratischer, rechtspopulistischer und rassistischer Bewegungen. Während sich die Forschung zurzeit stark auf die Wirkung negativer Emotionen (Ängste, Fremdenfeindlichkeit, Hass) und das Nicht-Verstehen von Demokratie konzentriert, plädiert das Projekt an diesem Punkt für eine umgekehrte Sichtweise. Es schlägt vor, das Erlernen des Verstehens von Demokratie zu erforschen und rückt hierfür chorische Sprechpraktiken ins Zentrum. Dem liegt die Prämisse zugrunde, dass das Verstehen demokratischer Volkssouveränität mit der körperlichen Erfahrung des Rechts auf Stimme, mit den vielfältigen Praktiken kollektiver Artikulation eng verwoben ist. Die Geschichte dieser Praktiken kann somit als Geschichte des Erlernens, des Verstehens, aber auch des Verspielens des Rechts auf politische Mitsprache rekonstruiert werden.

Diese Frage nach dem demokratiepolitischen Potenzial des Erfahrens und Erfühlens der (ambivalenten) Macht der Stimme des Volkes verlangt das Weiterentwickeln bestehender, kulturwissenschaftlicher Zugänge zur politischen Ästhetik von Kollektivität. Denn während der Beitrag individueller Sprechpraktiken zur Demokratisierung theoretisch wie historiografisch vergleichsweise gut aufgearbeitet ist, ist eine entsprechende, Disziplinen übergreifende Berücksichtigung kollektiver Sprechpraktiken ausständig.

Das Projekt will für diesen erweiterten Blick auf den Zusammenhang zwischen kollektiver Praxis und politischem System erste Grundlagen schaffen. Es basiert dabei auf der Prämisse, dass in Kulturtechniken chorischer Artikulation ein körperliches, vorreflexives Verstehen (embodied cognition) sozialer Ordnungen stattfindet. Seine zentrale historische These lautet, dass sich im so genannten langen 19. Jahrhundert ein modernes, säkulares Feld chorischer Sprechpraktiken entfaltet, in dessen Herausbildung sich Tendenzen des Verstummens, des Empowerment und der Disziplinierung verflechten. Die Geschichte dieser Praktiken kann als ein anderes Erlernen des Rechts auf Mitsprache – des Rechts auf kollektive, politische Souveränität – rekonstruiert werden. Die Erforschung dieser historischen Prozesse ermöglicht dabei nicht nur einen neuen Blick auf die Vorgeschichte der totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts. Sie eröffnet auch neue Perspektiven auf das aktuelle Ineinandergreifen von „Postdemokratie“ (Colin Crouch) und digitaler Revolution.

Das Projekt verfolgt vor diesem Hintergrund ein theoretisch-methodologisches sowie ein historiografisches Ziel:

(1) Es zielt erstens auf ein Reframing of Democracy, das das chorästhetische Andere der Geschichte der deliberativen Vernunft sicht- und erinnerbar macht. Es geht hierbei davon aus, dass die aktuelle Skepsis gegenüber dem demokratischen Repräsentativsystem ein neuartiges Phänomen ist, das einen neuen, kultur- und sozialwissenschaftliche Perspektiven verknüpfenden Blick auf die Geschichte und Gegenwart der westlichen Demokratien verlangt. Zu diesem Desiderat können die Literaturwissenschaften durch Ansätze des jungen Forschungsfelds der politischen Ästhetik einen wichtigen Beitrag leisten. Hier wurden in den letzten Jahren Konzepte zum Verhältnis von Stimme und Kollektivität entfaltet, die es ermöglichen, den Fokus auf das Nicht-Verstehen von Demokratie, der die kulturwissenschaftliche Rekonstruktion der politischen Moderne zurzeit dominiert, einer Revision zu unterziehen. Vor diesem Hintergrund verknüpft das Projekt postfundamentalistische Demokratietheorien mit ausgewählten Kultur-, Gesellschafts-, Kognitions- und Machttheorien und Ansätzen der Affect und Performance Studies.

(2) Hierauf aufbauend zielt das Projekt auf die Rekonstruktion einer ersten, exemplarisch angelegten Geschichte der demokratiepolitischen Relevanz chorischer Artikulation. Es konzentriert sich hierbei auf die Habsburgermonarchie im langen 19. Jahrhundert (1789 bis 1914/1918) und auf die Chancen und Risiken des in diesem Zeitraum zunehmend mächtiger werdenden, ambivalenten Kollektivmediums Stimme. Mit Blick auf das breite Feld chorischer Sprechpraktiken in Kirche, Schule, Militär, Literatur, Theater und politischer Öffentlichkeit (chorisches Beten, Aufsagen, Deklamieren, Skandieren, Sprechchorwerke usw.) wird nachverfolgt und analysiert, welche Kulturtechniken der Kollektivstimme das Erobern demokratischer Rechte ermöglichten, und welche Mechanismen diesen Gewinn zugleich unterminierten. Durch Aufarbeitung bislang unbeachteter historischer Quellen soll ein wissenschaftlich und gesamtgesellschaftlich vergessener Lernprozess des Demokratie-Verstehens in Erinnerung gerufen werden.

Mit den Ergebnissen beider Arbeitsbereiche will das von einem interdisziplinären Team durchgeführte Projekt zur Analyse des aktuellen, durch die digitale Revolution geprägten Strukturwandels demokratischer Öffentlichkeit beitragen. Die hier erstmals aufgeworfene Frage nach dem chorischen Anderen der deliberativen Vernunft eröffnet eine neue Perspektive auf die Geschichte und Gegenwart der westlichen Demokratien und plädiert für eine verstärkte Zusammenarbeit der kultur- und sozialwissenschaftlichen Demokratieforschung.

Dieses Projekt wird vom Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank unterstützt.

 

Projektergebnisse (Zusammenfassung)

Die im Antrag formulierten Thesen zum langen 19. Jahrhundert konnten belegt und erhärtet werden. Während der Projektlaufzeit intensivierte sich die weltweite Erosion demokratischer Traditionen. Die negativen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und die politisch-ökonomische Situation der EU werden immer deutlicher. Das Projekt reagierte hierauf mit einer stärkeren Gegenwartsorientierung des historischen Zugangs.

Im Hinblick auf das lange 19. Jahrhundert wurden eine demokratiepolitische Grundherausforderung und drei historische Trends rekonstruiert. Als Grundherausforderung wurde das in der Logik repräsentativer Demokratien angelegte Problem definiert, dass der Freiheitsgewinn (Volkssouveränität) mit Freiheitseinbußen (Delegation vieler Rechte an das Repräsentativsystem) verbunden ist. Der Umgang mit der hierin angelegten Ambivalenz bleibt eine Herausforderung: Stabile Demokratien benötigen nicht nur demokratische Institutionen, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche, die Wählerschaft miteinschließende Demokratisierung. Dass sich die zweischneidige Grundstruktur westlicher Demokratien bis heute antidemokratisch instrumentalisieren lässt, ist auch Folge ihrer unaufgearbeiteten Geschichte. Als zentrale, interagierende Faktoren erwiesen sich 1) die Geschichte der Ausdifferenzierung politischer, ästhetischer und medialer Systeme im Sinne Luhmanns; 2) die bezüglich einer Dialektik der Demokratisierung präzisierte Geschichte der Disziplinierung im Sinne Foucaults (Disziplinierung & Parteiensystem, politische Mobilisierung usw.); 3) die Herausbildung einer Tradition politisch-ästhetischer Ersatzhandlungen, die auf die als fragmentierend und entmündigend wahrgenommenen Dynamiken der Ausdifferenzierung und Disziplinierung mit Angeboten der Schein-Ermächtigung antwortet. Angenommen werden diese Angebote aufgrund der Sehnsucht nach Gehörtwerden und Mitsprache, übersehend, dass via Ästhetik und Symbolpolitik evozierte Freiheitsgefühle keine realen Freiheitsgewinnen darstellen. Das Projekt analysierte diese Tradition, die die ambivalente Grundlogik der Repräsentativdemokratie und deren Dialektik antidemokratisch zu nutzen weiß, unter dem Begriff des ambivalenten Empowerment.

Für die Analyse des langen 19. Jahrhundert war es gewinnbringend, deliberative und chorische Artikulation als aufeinander angewiesene demokratische Schlüsselpraktiken zu kontrastieren. Die von der audiovisuellen und der digitalen Revolution verschärfte Dialektik von Individualität und Kollektivität führt jedoch dazu, dass Vereinzelung und Vergemeinschaftung, Individualisierung und Totalisierung noch stärker ineinandergreifen als zuvor. Die Grenzen zwischen individueller und kollektiver Artikulation werden zusehends unscharf. Wie am Beispiel des Radiodispositivs aufgezeigt, verschränkte sich bereits in der Hoch-Zeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eine forcierte rezeptionsseitige Vereinzelung mit einer forcierten Kollektivierung (Zentralisierung/ Uniformierung). In der digitalen Gegenwart wächst die Dominanz hybrider Zwischenformen, die diese „schizophrene“ Dynamik (Ronell) beschleunigen und den deliberativen Austausch wie die regelgeleitete kollektive Einigung als Werte und Praktiken zersetzen. Die Artikulation der vielen neuen Vereinzelten in den Strukturen digitaler Öffentlichkeit wird dabei als Stimme des Kollektivs wahrgenommen, die an medialer Macht (Web 2.0) gewinnt. Der Grad der Vermachtung (Tech-Monopole) und Instrumentalisierung (Populismus) dieser Stimme/n steigt freilich ebenso.

Die Tradition des ambivalenten Empowerment ist damit in eine neue Phase getreten, deren historisch informierte Erforschung allerdings – auch aufgrund fehlender Unterstützung – noch aussteht. Fest steht jedoch, dass die aktuelle Demokratiekrise Ausdruck einer seit jeher bestehenden Dialektik moderner Repräsentativdemokratien ist. Wertvolle historische Erfahrungen für das Entwickeln von Gegenmaßnahmen wären deshalb vorhanden.