Vorlesungs­verzeichnis

Fabelhafte Dummheit. Idiotie in Literatur und Vernunftkritik

420007 SE 2021W

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Moodle

Vortragende der Germanistik:

Seminarraum I Germanistik Hauptgebäude, 1.Stock/Unterteilung, Stiege 7a über Stiege 9
Die Einzeltermine finden (Stand Semesterbeginn) allesamt nur in Präsenz statt

ERGÄNZUNG: Seit dem 22.11.2021 findet die LV nur mehr online statt; nähere Hinweise dazu finden sich auf der Moodle-Site

 

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Wie lässt sich von Dummheit handeln? Ihre landläufige, psychologische oder psychiatrische Klassifikation als kognitive Minderleistung (mit den Graden von Ignoranz, Debilität, Demenz und Idiotie), aber auch ihr ironischer Lobpreis (nach dem Vorbild von Erasmus‘ Moriae encomium) grenzt sich von diesem Phänomen mehr ab, als dass damit seine Bedingungen, Entwicklungen und Folgen sichtbar würden. Als Diskurs indes, der sich mit unterschiedlichsten Formen des Nicht-Wissens beschäftigt, ist die Literatur mit der Dummheit gleichsam verbündet (wie Andrew Bennet sagt), pflegt sie mit ihr ein kollegiales Verhältnis (wie Robert Musil unterstreicht) und findet sie (wie es Avital Ronell beschreibt) im sprachlichen ‚Abjekt‘ des Unsinns und der ‚Idiotismen‘ ihr Anderes ebenso sehr wie ihre Möglichkeitsbedingung. Dummheit ist, wie man allgemein sagen könnte, kein angeborener Defekt, sondern ‚Apperzeptionsverweigerung‘ (Heimito von Doderer): der Versuch, sich mit komplexen Begebenheiten durch vorgegebene Regeln und Schematismen oder allein im Stile des gesunden Menschenverstands, nicht aber mittels einer angemessenen Mischung der diversen Gemüts- und Verstandesvermögen auseinanderzusetzen. Welche Ursachen und Gründe diesem Versuch voranstehen, unter welchen Bedingungen er Erfolg haben und wohin er führen kann, beschäftigt spätestens seit der Aufklärung die Literatur und Vernunftkritik.
Deren vielfältige Annäherungen an das Phänomen der Dummheit soll das Seminar in einer komparatistischen Perspektive verfolgen: Die Verwerfungsgesten in der aufklärerischen Philosophie, Anthropologie und Psychiatrie (Kant etwa nennt die Dummheit einen „Mangel an Urteilskraft ohne Witz“), denen die Aufwertung von ‚Blödigkeit‘ und ‚Einfalt‘ (bei Jean Paul, Hölderlin und noch bei Robert Walser) gegenübertrat; der transzendentale und theologische Sinn von Idiotie als Nichtwissen-Können und -wollen (wie ihn Dostojewskis Roman umkreist); die Herrschaft der Dummheit, wie sie sich im Gelehrten- und publizistischen Diskurs durch Gemeinplatz und Phrase etabliert (Flauberts Bouvard et Pécuchet, Karl Kraus‘ Beiträge in der Fackel); die Dummheit als Grund- und Schwundform des Geistes in psychologisch-ästhetischer Perspektive (bei Musil und Doderer); komische und subversive Aspekte der ‚entwaffnenden‘ Dummheit (in Jaroslav Haseks Schweijk); verfahrenstechnisch bedingte Dummheit (in Behörden und Institutionen); und schließlich jene Artikulationsformen von Dummheit, deren Geltung man seit dem späteren 20. Jahrhundert auf die Wirkungsweise und Reichweite unterschiedlicher Massen- und sozialer Medien zurückgeführt hat (Pierre Bourdieu, Harry G. Frankfurt, Zoran Terzic). Neben diesem thematischen Schwerpunkt steht das Seminar, soweit erwünscht, auch Projektpräsentationen offen.

 

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

- Impulsreferat und Teilnahme in Expertengruppe mit Diskussionsleitung

 

Literatur

vgl. Seminarprogramm

 

Prüfungsstoff

vgl. Seminarplan

 

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

- regelmäßige und aktive Teilnahme
- Lektüre und Vorbereitung entsprechend des Arbeitsplans