Gilles Deleuze: Knowledge, Literature and Media
420003 SE 2025W
Vortragende der Germanistik:
Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung
Im Bereich der Kunsttheorie und politischen Philosophie dient das Werk von Gilles Deleuze schon seit Jahrzehnten als unumgängliche Referenz. Über die hier prominentesten Vokabeln (wie „Rhizom“, „Plateau“ oder „Deterritorialisierung“) hinaus soll das Seminar die Voraussetzungen, Kontexte und Wirkungsfelder von Deleuzes Denken, v.a. aber seine literatur-, kultur- und medienwissenschaftlich wichtigsten Texte ins Zentrum stellen. Hierzu setzt es drei Schwerpunkte. Erstens soll jenes Konzept des ‚Wissens‘ aufgearbeitet werden, das Deleuze vor dem Hintergrund der Epistemologie und des Strukturalismus der 1960er Jahre, im kritischen Dialog mit Michel Foucault, in Auseinandersetzung mit der Philosophiegeschichte (Leibniz, Nietzsche, Heidegger), aber auch im Rahmen seines politischen Engagements (in der Antipsychiatrie und Gefängnisreform) konturiert hat. Nicht darin, dass Grenzen wie die zwischen ‚Wissenschaft‘ und ‚Literatur‘ gelegentlich überschritten werden, liegt für Deleuze das Wesentliche einer Wissensanalyse. Vielmehr liegt es „in der Entdeckung und Vermessung jenes unbekannten Landes, in dem eine literarische Fiktion, eine wissenschaftliche Proposition, ein alltäglicher Satz, ein schizophrener Unsinn usw. gleichermaßen Aussagen sind, wenngleich ohne gemeinsames Maß, ohne jede Reduktion oder diskursive Äquivalenz.“ Genau diesen zerklüfteten Sockel des Wissens zu erkunden, sei „den Logikern, den Formalisten und den Interpreten“ niemals geglückt.
Zweitens sollen Deleuzes auch in den unterschiedlichen Philologien stark rezipierte Arbeiten zur Literatur diskutiert werden, die er selbst unter das Motto „Kritik und Klinik“ gestellt hat, um mit ihnen weitergehende Fragen der Semiotik, des Ausdrucks oder einer sozialen Symptomatologie aufzuwerfen. Immer in Verbindung mit den jeweiligen Primärtexten sollen Deleuzes Aufsätze zur ‚Überschreitung‘ und ‚Pornologie‘ bei de Sade und Leopold von Sacher-Masoch gelesen werden; die zur Semiotik in Prousts Recherche und die zur Frage des ‚Risses‘ und ‚Knackses‘ bei Zola und Fitzgerald; schließlich der (zusammen mit Félix Guattari verfasste) grundlegende Entwurf einer ‚minoritäten Literatur‘ bei Franz Kafka; und zu guter Letzt Deleuzes Text zum US-amerikanischen ‚Werden‘ in den Texten Herman Melvilles.
Drittens stehen die medientheoretisch relevanten Texte Deleuzes im Zentrum. Neben dem Kino-Buch (hier etwa Passagen zur Konvergenz von Literatur, Medientechnik und Wissensbegriff, v.a. bei Orson Welles und Alain Resnais) und den Arbeiten zu Samuel Becketts Fernsehspielen sollen hier vor allem zwei Themen beleuchtet werden: Deleuzes (und Guattaris) Neubestimmung, die sie dem Buch, seiner Anlage und Gebrauchsweise innerhalb einer massenmedialen und digitalen Umgebung zu geben versuchen; und das Konzept einer ‚literarischen Maschine‘, das Deleuze und Guattari ausgehend von Proust, mit Blick auf psychoanalytische und psychiatrische Modelle des psychischen Apparats, auf Medienanthropologien (wie die von Leroi-Gourhan und Mumford) oder auf Technikphilosophien (wie die Simondons) entwickelt haben. Gerade dieses Konzept hat zu einem grundsätzlich neuen Verständnis literarischen Schreibens etwa bei Kafka geführt, was die Funktion, Wirkung und Besonderheit von Literatur innerhalb eines umfänglicheren institutionellen und technologischen Gefüges angeht, das Verhältnis zwischen Autorschaft und kollektivem Aussagesystem oder auch die Reichweite und Aufgabe von Literaturwissenschaft und Editionsphilologie.
Wegen der Komplexität und Vielfalt von Deleuzes Schreiben ist das Seminar monographisch angelegt. Dabei soll es, anders als der Titel suggerieren mag, keineswegs nur die Sektion „Wissen, Literatur und Medien“ bedienen. Vielmehr soll es einführen in das für die heutigen Geistes- und Kulturwissenschaften maßgebliche Denken eines voraussetzungsreichen und schwierigen Theoretikers. Wie stets in DissertantInnen-Seminaren soll in den letzten Sitzungen Gelegenheit sein zur Präsentation einzelner Dissertationen, ganz gleich, ob diese an Deleuze thematisch und theoretisch anschließen oder nicht.
Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel
- regelmäßige und aktive Teilnahme
- Lektüre und Vorbereitung entsprechend des Arbeitsplans
- Impulsreferat und Teilnahme in Expertengruppe mit Diskussionsleitung
Literatur
Bogue, Ronald. Deleuze on Literature. New York 2003.
Prüfungsstoff
vgl. Semesterplan
Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab
- vgl. oben bei "Art der Leistungskontrolle"
- Diskussionsbeiträge
- eigener Input: originelle Themenwahl und klare Fragestellung; Erschließung des aktuellen Forschungsstands; Methodenbewusstsein; theoretischer Hintergrund
Abkürzungen: ÄdL: Ältere deutsche Sprache und Literatur – DaF/Z: Deutsch als Fremd- und Zweitsprache – FD: Fachdidaktik Deutsch – NdL: Neuere deutsche Literatur – SpraWi: Sprachwissenschaft
