Vorlesungs­verzeichnis

NdL: Schreibrausch. Literatur unter Drogen

100222 KO 2024S

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Nächster Termin

Dienstag, 25.06.2024 13:15-14:45 Seminarraum 3 Hauptgebäude, Tiefparterre Stiege 9 Hof 5

 

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Woher rührt beim Schreiben der kreative Augenblick? Bis zur Neuzeit sprach man bevorzugt von göttlicher ›Inspiration‹, seit dem 18. Jahrhundert beschwor man die Autoaffektion des ›Original-Genies‹ – um 1800 jedoch griffen mehr und mehr Autoren zur Flasche, zu unterschiedlichen Stimulanzien oder Drogen. Die Verbindung der Kulturtechniken Schreiben und Berauschen gehört seither untrennbar zur Literaturgeschichte der Moderne. »Damit es Kunst gibt«, heißt es bei Nietzsche, »damit es irgendein ästhetisches Tun und Schauen gibt, dazu ist eine physiologische Vorbedingung unumgänglich: der Rausch«. An die Stelle der vormaligen (religiös, kultisch oder sozial bedingten) Kollektivekstasen, die Nietzsches »Geburt der Tragödie« rückblickend beschreibt, trat nun freilich der zumeist solitäre, rauschmittelinduzierte furor poeticus, als wäre er ein Katalysator der modernen Funktion von Autorschaft. Was er versprach, war »Vitalsteigerung« (Gottfried Benn) und Bewusstseinserweiterung durch die nunmehr geöffneten »Pforten der Wahrnehmung« (Aldous Huxley), die Erschließung neuer Welten und damit die Erkundung der Bedingungen der Möglichkeit von Wirklichkeit. Womit er drohte, war die Sucht, der Absturz oder Tod.
Das Seminar soll unterschiedliche Etappen dessen nachbuchstabieren, was man eine moderne Literaturgeschichte unter Drogen nennen könnte. Ausgangspunkt ist die alkoholisierte Autorschaft um 1800, wie sie etwa E.T.A. Hoffmann oder Jean Paul zu eigentümlichen Szenarien des Phantastischen geführt hat. Alsdann wird der Einsatz von Haschisch und Opium im 19. Jahrhundert Thema sein, mit dem eine ganze Generation von poètes maudits (etwa De Quincey oder Edgar Allen Poe, Baudelaire oder Maupassant) neue Schreibweisen zwischen Wahnsinn und Illumination entwickelt hat. Ein Schwerpunkt liegt dann auf dem 20. Jahrhundert, zu dessen Beginn etliche Autoren (wie Trakl und Benn) den neueren Physiologien artistischer Produktion ›Substanz‹ zu geben versuchten und deshalb (wie Freud und Benjamin) mehr oder minder systematische Drogenexperimente anstellten. Die Jahrhundertmitte war durch die Einführung synthetischer Drogen (und deren direkten Niederschlag in der Literatur etwa Ernst Jüngers oder der Beat Generation) ebenso gekennzeichnet wie durch die gesellschaftliche Ächtung bestimmter Drogen und ihrer Nutzer (wie z.B. des Junkies William S. Burroughs). In der Zeit nach 1968 wurden Rauschmittel auf breiter Ebene politisiert (wovon etwa Bernward Vespers »Reise« zeugt), am Jahrhundertende hingegen (wie in Rainald Goetz‘ »Rave« beschrieben) als Party- und Leistungsdroge normalisiert.
Von der Esoterik zum Pop, von der Transzendenz zur Trance, von der Mindcontrol zur Subkultur, vom Widerstand zum Hedonismus und vom melancholischen Trinker bis hin zum euphorisierten ›neurochemischen Subjekt‹ reicht jene Literaturgeschichte des Schreibrauschs, die das Seminar beschäftigen soll. Dabei meint der Begriff des ›Schreibrauschs‹ mindestens dreierlei: erstens das Schreiben in Rauschzuständen, für das eine adäquate Dosierung von Nüchternheit und Intoxikation erfordert ist; zweitens das Schreiben über selbst erlebte Rauschzustände (sei es simultan und mittels Protokoll, sei es nachträglich im Erfahrungsbericht); schließlich das Schreiben zu Rauschzuständen als fiktionaler oder essayistischer Gegenstand, der nicht nur besondere Erzählweisen, sondern auch spezifische Begrifflichkeiten nötig macht.

 

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Erwartet wird – neben der aktiven und regelmäßigen Teilnahme – die Mitwirkung in einer Expertengruppe, die den Stoff einer Sitzung aufbereitet, präsentiert und dokumentiert; mindestens eine Respondenz zur Präsentation einer anderen Expertengruppe.

 

Literatur

Alexander Kupfer: Die künstlichen Paradiese. Rausch und Realität seit der Romantik.
Ein Handbuch. Stuttgart / Weimar: Metzler 1996.

Weitere Literaturhinweise erfolgen im Seminar.

Forschungsliteratur und kürzere Texte werden über Moodle bereitgestellt; entsprechend der Absprache zu Semesterbeginn sind evt. einige der längeren Texte von den Teilnehmenden selbst anzuschaffen.

 

Prüfungsstoff

Einzelthemen des Konversatoriums

 

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Prüfungsimmanente Lehrveranstaltungen aus dem Angebot der SPL10 sind grundsätzlich anwesenheitspflichtig. Maximal zweimaliges Fehlen ist erlaubt. Eine konsequenzlose Abmeldung ist bei wöchentlichen Lehrveranstaltungen bis vor der dritten LV-Einheit möglich, bei 14-tägigen Lehrveranstaltungen und Blöcken bis vor dem zweiten Termin.

Die Leistungsfeststellung erfolgt über mehrere, auch während des Semesters zu erbringende Leistungen. Am Ende des Semesters steht eine mündliche Prüfung über die erarbeiteten Inhalte und die Semesterlektüre.