Theorien und Methoden der Literatur- und Kulturwissenschaften
100213 UE 2026S
Vortragende:
Nächster Termin
Mittwoch, 18.03.2026 09:45-11:15 Seminarraum 4 Hauptgebäude, Tiefparterre Stiege 9 Hof 5
Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung
In seiner Liste der »besten Bücher aus hundert Jahren« hat Der Spiegel unlängst auch Walter Benjamins »Berliner Kindheit um neunzehnhundert« angeführt. Worum handelt es sich bei diesem schmalen Buch, das hier mit 99 epocheprägenden Texten der letzten 100 Jahre in einer Reihe steht? Die »Berliner Kindheit« ist ein Zyklus, dessen älteste Stücke zunächst als Zeitungsartikel erschienen sind und den Benjamin zwischenzeitlich auf 30 Teile angelegt hat. Jeder einzelne Text konzentriert sich auf einen besonderen Schauplatz, auf ein einmaliges Vorkommnis oder einen spezifischen Gegenstand aus der Zeit um 1900. Letztlich führt das Buch so unterschiedliche Formen wie die des Feuilletons und Prosagedichts zusammen, des Essays und der kurzen Erzählung, der soziologischen Beobachtung und der sprachphilosophischen Betrachtung. Man kann auch von Großstadtliteratur sprechen, die durch das Prisma von Benjamins autobiographischer Rückschau gebrochen wird.
Daher die Themenvielfalt der »Berliner Kindheit«: Die Wege, die sich das Kind durch das Labyrinth der metropolitanen Parkanlagen oder der Berliner Hinterhöfe bahnt, seine Schmetterlingsjagden und die vielen Krankheitstage, die es im Bett verbringt, das Lesenlernen mit Lesekästen, die Begegnung mit ›Bettlern und Huren‹ oder die Aura des Geheimnisses, die die verschiedensten Dinge der Erwachsenenwelt umweht – all diese Episoden, narrativen Miniaturen und Denkbilder erkunden Berlin als eine Art Hauptstadt des 20. Jahrhunderts und besichtigen, mit der unbestechlichen Unschuld von Kinderaugen, das Säkulum von seinen (noch vorkatastrophischen) Anfängen her. Als Benjamin an dem Zyklus seine letzten Überarbeitungen vornahm, war er bereits auf der Flucht vor den Nazis, weshalb das Buch nicht nur der gescheiterten Moderne eine Diagnose, sondern auf jeder Seite auch die Frage nach der ›rettenden‹ Funktion von Erinnerung stellt.Die Übung soll sich mit dem kurzen, aber dichten Text der »Berliner Kindheit« als einem Grenzfall zwischen Theorie und Poesie beschäftigen. Einerseits ist das Buch als ein Kompendium von Benjamins Kultur-, Literatur- und Medientheorie zu verstehen und, wo nötig, mit Rekurs auf seine anderen Schriften allererst aufzuschlüsseln – etwa wenn es um das ›mimetische Vermögen‹ des Kindes geht oder um die Medienwelt um 1900 mit ihren Kaiserpanoramen, Fotografien und Telefonen. Andererseits führt das Buch wie kaum ein anderes vor, dass der Gedanke von seiner Form, dass Theorie von ihrer Versprachlichung schlechtweg untrennbar ist. Deshalb sollen immer auch jene vielfältigen Schreibweisen und Textgenres Thema sein, mit denen die »Berliner Kindheit« arbeitet, ebenso wie ihre erzählerische Anlage, so wie sie von der bloßen Reminiszenz über die Anekdote bis zur komplexen Prosaminiatur reichen kann.
Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel
Schriftliche Beiträge aller Lehrveranstaltungstypen der SPL 10 können einer automatischen Plagiatsprüfung unterzogen werden; dazu zählen insbesondere Arbeiten der Pro-, Bachelor- und Masterseminarstufe, aber auch Lehrveranstaltungsprüfungen (z.B. Vorlesungsprüfung) und Teilprüfungen (z.B. Zwischentest, 'Hausübungen').
Zudem kann, um den tatsächlichen Eigenanteil der Arbeit bei der evt. Benutzung von Chatbots zu ermitteln, die schriftliche Arbeit jederzeit durch eine mündliche Prüfung ergänzt werden.
Literatur
Vorausgesetzt wird die Anschaffung und erstmalige Lektüre von Benjamins »Berliner Kindheit um neunzehnhundert« in der »Fassung letzter Hand« (Suhrkamp Verlag, ca. 10 Euro).
Prüfungsstoff
Semesterprogramm
Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab
Prüfungsimmanente Lehrveranstaltungen aus dem Angebot der SPL10 sind grundsätzlich anwesenheitspflichtig.
Studierende, die der ersten Einheit unentschuldigt fern bleiben, verlieren ihren Platz in der Lehrveranstaltung.Maximal zweimaliges Fehlen ist erlaubt. Eine konsequenzlose Abmeldung ist bei wöchentlichen Lehrveranstaltungen bis vor der dritten LV-Einheit möglich, bei 14-tägigen Lehrveranstaltungen und Blöcken bis vor dem zweiten Termin.Prüfungsimmanente Lehrveranstaltungen aus dem Angebot der SPL10 sind grundsätzlich anwesenheitspflichtig. Maximal zweimaliges Fehlen ist erlaubt. Eine konsequenzlose Abmeldung ist bei wöchentlichen Lehrveranstaltungen bis vor der dritten LV-Einheit möglich, bei 14-tägigen Lehrveranstaltungen und Blöcken bis vor dem zweiten Termin.Erwartet wird – neben der aktiven und regelmäßigen Teilnahme – die Mitwirkung in einer Expertengruppe, die den Stoff einer Sitzung aufbereitet und präsentiert; mindestens eine Respondenz zur Präsentation einer anderen Expertengruppe.Am Semesterende – das wird im Seminar selbst rechtzeitig beschlossen oder bekanntgegeben – entweder ein Essay im Umfang von 3-4 Seiten in elektronischer Form, auf den sich eine mündliche Prüfung bezieht, oder eine Klausur bzw. mündliche Prüfung zum Semesterstoff in der letzten Sitzung.Beurteilungskriterien:
- im Seminar: aktive Teilnahme an den Sitzungen; sachlich pointiertes Impulsreferat mit kompetenter Diskussionsleitung; Respondenz zu einer Präsentation der anderen Expertengruppen
- in der Seminararbeit/Klausur: originelle Themenwahl und klare Fragestellung/klare Beantwortung; angemessene Erschließung/Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstands; Orthographie, sprachliche Form, Stil; Berücksichtigung wissenschaftlicher Konventionen; Methodenbewusstsein; theoretischer Hintergrund
Abkürzungen: ÄdL: Ältere deutsche Sprache und Literatur – DaF/Z: Deutsch als Fremd- und Zweitsprache – FD: Fachdidaktik Deutsch – NdL: Neuere deutsche Literatur – SpraWi: Sprachwissenschaft
