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Masterseminar NdL: Kosmische Imaginationen zwischen Naturalismus und Avantgarde

100187 SE 2024S

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Vortragende:

Nächster Termin

Donnerstag, 27.06.2024 11:30-13:00 Seminarraum 3 Hauptgebäude, Tiefparterre Stiege 9 Hof 5

 

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Die rasante Abfolge wissenschaftlicher Entdeckungen und technischer Innovationen seit dem späten 19. Jahrhundert führte nicht nur zur forcierten Industrialisierung, sondern beflügelte auch die literarische Phantasie. Insbesondere die Entwicklung der modernen technischen Verkehrs- und Kommunikationsmittel, der Ausbau der Eisenbahnlinien, die frühen Automobile und Flugmaschinen sowie die Telegraphie und die Elektrifizierung eröffneten einen expansiven dynamischen Möglichkeitsraum. Flankiert wurden diese technischen Neuerungen durch ein Aufblühen der Astronomie, das durch Riesenteleskope, Spektroskope und die Fotografie befördert wurde. Dieses Wissen, vermittelt durch populärwissenschaftliche Publikationen, stieß auf großes Publikumsinteresse. Auf dieses Wissen beriefen sich aber auch astrologische, okkultistische und spiritistische Texte, die eine bis anhin ungekannte Konjunktur erlebten. Auffallend ist dabei, wie wenig scharf sich die Grenzen zwischen rationalen und irrationalen, wissenschaftlichen und okkulten Kosmosdarstellungen ziehen lassen. Nicht von ungefähr ist die Jahrhundertwende um 1900 die Zeit, in der sich die neue Gattung der Science Fiction – noch bevor sich diese Gattungsbezeichnung etablierte – konsolidierte.
Das literarische Feld der kosmischen Imagination ist um die Jahrhundertwende äußerst vielgestaltig und heterogen. Autoren wie Wilhelm Bölsche und Camille Flammarion versuchen, ihre Kosmosvorstellungen auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Es geht bei ihnen in erster Linie um Wissensvermittlung, wenn auch dieses Wissen keineswegs gesichert ist. Autoren wie H.G. Wells, Joseph Henri Rosny aîné, Kurd Laßwitz, Georg Heym oder Hans Dominik hingegen benutzen den Kosmos als fantastischen Aktionsraum für Erzählungen von außerirdischen Lebewesen, ihren oft konfliktträchtigen Begegnungen mit den Menschen. Kolonialistische Machtphantasien kontrastieren dabei mit Katastrophenängsten. Kosmische Imaginationen sind nicht nur die Domäne einer formal und narrativ konventionellen Unterhaltungsliteratur, sondern auch, wie besonders das Beispiel Paul Scheerbart zeigt, das Experimentierfeld für innovative Schreibweisen. Wie Scheerbart entwerfen auch Theodor Däubler und Else Lasker-Schüler neue kosmische Mythologien.
Folgende Leitfragen werden im Seminar gestellt:
1) Wie verhalten sich wissenschaftliche und esoterische Weltraumdiskurse zueinander, wie beziehen sie sich aufeinander?
2) Welche traditionellen Vorstellungen verbinden sich mit diesen Texten? Auf welchen philosophischen Grundlagen fußen sie?
3) Inwiefern werden Denk- und Darstellungskonventionen aufgebrochen?
4) Welche (neuen) Bilder und Metaphern stellt der kosmische Imaginationsraum bereit?
5) Wie fügen sich diese Texte in bestehende Gattungsschemata (Roman, Novelle, lyrische und dramatische Formen) ein?
6) Welche (kultur-)politischen Implikationen haben diese Imaginationen – etwa im Zusammenhang mit Rassismus, Imperialismus, Kolonialismus und Genderordnungen?
Im Laufe des Seminars sollen die verschiedenen inhaltlichen und stilistischen Aspekte ausgewählter Texte analysiert werden. Die große Bandbreite der hier aufscheinenden Themen und literarischen Formen soll herausgestellt werden.
Methode/Ablauf: Referent*innen erarbeiten für die einzelnen Sitzungen elektronisch zu verschickende Thesenpapiere und vier Leitfragen. Die Referent*innen halten Impulsreferate, die insgesamt nicht länger als 30 Minuten dauern sollen. Aufteilung des Plenums in vier Gruppen, die jeweils eine Frage diskutieren (20 Min.). Vorstellung der Diskussionsergebnisse der Gruppen, Plenumsdiskussion. Impulse sollen in die schriftliche Seminararbeit einfließen. Ziele: Textnähe, Aktivierung der Studierenden.

 

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Schriftliche Beiträge aller Lehrveranstaltungstypen der SPL 10 können einer automatischen Plagiatsprüfung unterzogen werden; dazu zählen insbesondere Arbeiten der Pro-, Bachelor- und Masterseminarstufe, aber auch Lehrveranstaltungsprüfungen (z.B. Vorlesungsprüfung) und Teilprüfungen (z.B. Zwischentest, 'Hausübungen').
Gefordert sind:
- Anwesenheit, Teilnahme an den Diskussionen in Kleingruppen und im Plenum
- Impulsreferat incl. PPP, Verfassen eines Handouts, Formulierung von vier Leitfragen, Diskussionsleitung
- Seminararbeit im Umfang von 25 Seiten Haupttext, Abgabe bis spätesten 16. 9. 2024 in gedruckter und elektronischer Form.

 

Literatur

Zu Heym:
Helga Abret, Lucian Boia: Das Jahrhundert der Marsianer. München 1984 (= Bibliothek der Science Fiction Literatur). München 1984.
Moritz Baßler, Katharina Scheerer: Ein wilhelminisches Wunder. Zu Georg Heyms Der Besuch des Marsmenschen. In: Literatur für Leser, Jg. 41, 2018, H. 3: Georg Heyms nachgelassene Prosa und Schriften. Hg. von Lars Amann, S. 211-224.
Barbara Bauer: Der Neue Mensch und Fausts Streben. In: Der Neue Mensch. Obsessionen des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Nicola Lepp, Martin Roth und Klaus Vogel (= Katalog zur Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden, 22. 4.-8. 8. 1999). Ostfildern-Ruit 1999, S. 17-26.
Justus Fetscher, Robert Stockhammer: „Nachwort“. In: Marsmenschen. Wie die Außerirdischen gesucht und erfunden wurden. Hrsg. von J. Fetscher und R. Stockhammer. Leipzig 1997, S. 267.
Roland Innerhofer: Vom Fliegen, Fallen und Landen. Science Fiction in zwei nachgelassenen Prosatexten Georg Heyms. In: Literatur für Leser, Jg. 41, 2018, H. 3: Georg Heyms nachgelassene Prosa und Schriften. Hg. von Lars Amann, S. 199-210.
Hermann Korte: Georg Heym. Stuttgart 1982
Kurt Mautz: Georg Heym. Mythologie und Gesellschaft im Expressionismus. Frankfurt am Main, 3. Aufl. 1987.

Zu Laßwitz:
Roland Innerhofer: Deutsche Science Fiction 1870-1914. Rekonstruktion und Genese einer Gattung. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1996.
Franz Rottensteiner: Ordnungsliebend im Weltall: Kurd Laßwitz. In: Polaris 1. Ein Science Fiction Almanach. Hg. von Franz Rottensteiner. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1973, S. 133-164.
Dietmar Wenzel (Hg.): Kurd Laßwitz: Lehrer, Philosoph, Zukunftsträumer. Meitingen: Corian 1987.

Zu Däubler:
Franz Boll: Spaera. Neue griechische Texte und Untersuchungen zur Geschichte der Sternbilder. Leipzig 1903.
Harald Kaas: Aurora Borealis und Gnosis. Zur Dichtung Theodor Däublers. In: Theodor Däubler: Der sternhelle Weg und andere Gedichte. Hg. von Harald Kaas. München 1985, S. 127-142.

Zu Scheerbart:
Robert Baumgartner: Vom guten Raum. Die Konzeption des Raums in Paul Scheerbarts Planeten-Romanen. Münster: Edition LuMax 2015.
Clemens Brunn: Der Ausweg ins Unwirkliche. Fiktion und Weltmodell bei Paul Scheerbart und Alfred Kubin. Hamburg, 2. aktual. Auflage 2010.
Robert Matthias Erdbeer: Signaturen des Kosmos. Epistemische Poetik und die Genealogie der Esoterischen Moderne. Berlin u.a.: de Gruyter 2010.
Carl Freytag: Die beste aller Welten als Konstruktion. Raumträume bei Paul Scheerbart und Bruno Taut. In: Raumkonstruktionen in der Moderne. Kultur – Literatur – Film. Hg. von Sigrid Lange. Bielefeld: Aisthesis 2001, S. 159–192.
Hubertus von Gemmingen: Paul Scheerbarts astrale Literatur. Frankfurt/M. 1976.
Roland Innerhofer: Einfach kompliziert. Strategien des Phantastischen bei Paul Scheerbart. In: Traditionslinien der deutschen Phantastik. Vierter Kongreß der Phantasie. Hg. von R. Gustav Gaisbauer. Passau 1997 (=fantasia 108/09), S. 59-66.
Roland Innerhofer: Psychophysik der Strahlen: Gustav Theodor Fechner, Paul Scheerbart. In: Strahlen sehen. Zu einer Ästhetik des Emanativen. Hg. von Roland Innerhofer und Dorothea Rebecca Schönsee. Wien: new academic press 2015, S. 88-103.
Cornelius Partsch: Paul Scheerbart and the art of science fiction. In: Science-Fiction Studies, 2002 July, Vol. 29, S. 202-220.
Mechthild Rausch: Nachwort. In: Paul Scheerbart: Regierungsfreundliche Schauspiele. Gesammelte Arbeiten für das Theater. Bd. 2. Hg. von Mechthild Rausch. München 1977, S. 197-208.
Über Paul Scheerbart. 100 Jahre Scheerbart-Rezeption in 3 Bänden. Bd. 1: Einführungen, Vorworte, Nachworte. Hg. von Berni Lörwald und Michael M. Schardt; Bd. 2: Analysen, Aufsätze, Forschungsbeiträge. Hg. von Michael M. Schardt und Hiltrud Steffen; Bd.3, Rezensionen. Artikel zu Leben und Werk. Hg. von Paul Kaltefleiter. Paderborn: Igel 1992, 1996, 1998.
Zu Lasker-Schüler:
Klaus Weissenberger: Zwischen Stein und Stern: Mystische Formgebung in der Dichtung von Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs und Paul Celan Gebundene. Tübingen: Francke 1976.

 

Prüfungsstoff

Prüfungsimmanente Lehrveranstaltung

 

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Prüfungsimmanente Lehrveranstaltungen aus dem Angebot der SPL10 sind grundsätzlich anwesenheitspflichtig. Maximal zweimaliges Fehlen ist erlaubt. Eine konsequenzlose Abmeldung ist bei wöchentlichen Lehrveranstaltungen bis vor der dritten LV-Einheit möglich, bei 14-tägigen Lehrveranstaltungen und Blöcken bis vor dem zweiten Termin.

Umfang der Abschlussarbeiten: Seminararbeiten 25 Seiten Haupttext

Modul V Masterseminar mit Zusatzleistung aus dem Master Deutsche Philologie (12 ECTS): Für die Aufwertung des Seminars um 6 ECTS muss eine verpflichtende schriftliche Mehrleistung (10 Seiten Haupttext) erbracht werden, d.h. es muss eine Seminararbeit im Umfang von 35 Seiten Haupttext verfasst werden.

Anforderungen und Beurteilungskriterien:
- Aktive Teilnahme an sämtlichen Sitzungen durch Fragen und Diskussionsbeiträge
- Klare Struktur und wirkungsvolle Technik des Impulsvortrags
- Handout: effizient und konzise aufbereitete Informationen, klare Struktur, Auswahl markanter, aussagekräftiger Zitate
- Leitfragen: Relevante, offene Fragen, Bevorzugung kontroverser Fragestellungen
- Umsichtige Diskussionsleitung, die Impulse setzt, ohne die Diskussion rigide zu steuern.

Beurteilungskriterien für die Seminararbeiten:

Forschungsstand
- Reflektierte Kenntnis des Forschungsstands
- Angemessenheit der Auswahl der zitierten Literatur
- Wissenschaftlichkeit der Quellen (Lexika, Monographien, Aufsätze etc.)
- Konsistente Einbettung in den aktuellen Forschungsstand

Theorie und Methode
- Präzisierung von Fragestellung(en), Ziel(en) und/oder Hypothese(n)
- Klarheit und Nachvollziehbarkeit der Formulierung und Begriffsverwendung
- Erklärung und Begründung des methodischen Vorgehens
- Gegenstandsangemessenheit des methodischen oder theoretischen Paradigmas
- Methodische und theoretische Problembewusstheit

Struktur und Aufbau
- Plausibilität der Gesamtstruktur der Arbeit
- Stimmigkeit der jeweiligen Abschnitte in sich
- Logische Abstimmung und Balance der Abschnitte untereinander (Textkohärenz und -kohäsion)
- Plausible Rahmung durch Einleitung und Schluss

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100-90 P. = 1
89-80 P. = 2
79-70 P. = 3
69-60 P. = 4
59-0 P. = 5