Vorlesungs­verzeichnis

Neuere deutsche Literatur: Gerhart Hauptmann und der deutsche Naturalismus

100180 PS 2009W

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Vortragende:

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Trunksucht, Selbstmord und der "Kampf ums Dasein": Mit seinen Ausflügen in hässliche soziale Milieus, seiner Verpflichtung auf mimetische "Wahrheit" und dem Postulat, die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften ästhetisch ernst nehmen zu wollen, hat der Naturalismus die Zeitgenossen nachhaltig erschreckt. Die Aufführungen der ersten Dramen dieser spezifisch "modernen" Bewegung im Verein "Freie Bühne" in Berlin polarisieren - die Stücke Hauptmanns und anderer finden dort euphorische Aufnahme oder rufen erbitterte Ablehnung, ja Entrüstung hervor.

Als erste literarische Bewegung verständigt sich der Naturalismus über Manifeste, diskutiert die eigenen Produktions- und Rezeptionsbedingungen und bringt sich erst spät, im Spiegel einer institutionalisierten Literaturkritik, selbst auf den Begriff. Hauptmann steht für den Durchbruch auf der Bühne, unterhält aber ein ambivalentes und wandlungsfähiges Verhältnis zur naturalistischen Ästhetik. Diese erschöpft sich vor allem inhaltlich schnell und man spricht bereits in der Etablierungsphase, bis heute folgenreich, von einer notwendigen "Überwindung" (H. Bahr). Das hat der Bewegung insgesamt eine relative Bedeutungslosigkeit attestiert: Für die ästhetische Entwicklung der Klassischen Moderne wird dem Naturalismus daher gern nur eine vorbereitende Rolle zugeschrieben.

Das Proseminar möchte es sich zur Aufgabe machen, zunächst eine Reihe früher Dramen Gerhart Hauptmanns und seine novellistische Studie "Bahnwärter Thiel" genau zu studieren. Welche szenischen Mittel ermöglichen das obsessive Interesse an Familienkatastrophen? Welche Beziehung unterhält das naturalistische Drama zum Formenbestand dramatischer Literatur? Welche Milieus werden im künstlerischen Rahmen erstmals neu erschlossen und wie sollen sie wirken? Wie übt sich der (oft kriminalistische) Blick auf "soziale Defekte" ein? Und schließlich: Welche Leistung erbringen Figuren, Stoffe und Motive der Texte im Hinblick auf eine Kunstprogrammatik, die sich der Paradoxie verschreibt, "Wirklichkeit" sein zu wollen?

Aus den Ergebnissen der Textlektüre heraus sollen sich (in Ansätzen) eigene Fragestellungen ergeben, die dann schriftlich ausgearbeitet werden. Ein Schwerpunkt des Interesses könnte (muss aber nicht) auf eine produktive Revision des Verhältnisses von Naturalismus und Ästhetik der Klassischen Moderne abzielen.

 

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Anwesenheit, Lektüre und Diskussion, Textanalysen, schriftliche Hausarbeit.

 

Literatur

Zur Einführung: Peter Sprengel, Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870-1900. Von der Reichsgründung bis zur Jahrhundertwende, München 1998 (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd. IX, 1), S. 107-113 u. S. 491-510.

Hinweis: Zur Anschaffung: Gerhart Hauptmann, Bahnwärter Thiel. Novellistische Studie, Stuttgart: Reclam (alle Auflagen); weitere Texte werden in einem Reader zur Verfügung gestellt.

 

Prüfungsstoff

Close Reading, Erzähltheorie, Dramenanalyse, Theorie des Naturalismus und Theorie der Moderne (in Ansätzen).

 

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Lektürekompetenz und Interpretation, Textsortenkenntnis, Umgang mit Sekundärliteratur, Entwicklung eigener Fragehorizonte.