Masterseminar NdL: Die literarische Wirklichkeit von Nationalsozialismus und Holocaust
100158 SE 2026S
Vortragende:
Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung
Christa Wolf schreibt in ihrem Roman Kindheitsmuster (1976): „Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen“ und weist damit pointiert darauf hin, dass Erinnern ein permanentes Umkodieren, ein ständiges Übersetzen von Sinnlichem und Bildlichem in Sprachliches, von Wahrnehmungen in Erzählformen, von Erlebtem in Gesagtes ist. So sind auch alle Erinnerungstexte Produkte eines Übersetzungs- und Konstruktionsprozesses, bei dem Erlebtes und Wahrgenommenes verschoben, neu angeordnet und geformt wird. Die Frage nach der Wahrheit oder Authentizität des Erzählten stellt sich freilich auch im Fall von nicht selbst erlebten, sondern recherchierten Fallgeschichten, dem literarischen Umgang mit Dokumenten und Spuren historischer Geschehnisse in der sogenannten dokumentarischen Literatur und in „Tatsachenromanen“.
Eine besondere Bedeutung hat dieses Problem im Kontext der Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und den Verbrechen des Holocaust, deren Faktizität immer wieder rechtsextremen politischen Attacken ausgesetzt war bzw. ist – Stichwort „Auschwitzlüge“. Und: Was Fakten sind und was Erfindungen, was tatsächlich geschehen ist und was nur imaginiert wurde, hat gerade in der Gegenwart wieder besondere Brisanz gewonnen, in der Begriffe wie „Autofiktion“ oder „alternative facts“ gewohnte Kategorien der Realitätszuschreibung in Frage zu stellen versuchen, wo von „Wahrheitskrise“ (B. Pörksen) und postfaktischem Zeitalter die Rede ist. In diesem Seminar sollen explizit nicht-fiktionale Textsorten wie Erinnerungen, Berichte und dokumentarische Literatur gelesen und diskutiert werden, die sich mit unterschiedlichen Mitteln und aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust beschäftigen. Die Frage nach den literarischen Möglichkeiten in Bezug auf Authentizität, Faktizität, Wahrhaftigkeit und Gedächtnis soll dabei im Mittelpunkt stehen. Ein besonderer Fokus gilt dabei der österreichischen Literatur.
Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel
Schriftliche Beiträge aller Lehrveranstaltungstypen der SPL 10 können einer automatischen Plagiatsprüfung unterzogen werden; dazu zählen insbesondere Arbeiten der Pro-, Bachelor- und Masterseminarstufe, aber auch Lehrveranstaltungsprüfungen (z.B. Vorlesungsprüfung) und Teilprüfungen (z.B. Zwischentest, 'Hausübungen').
Die Verwendung von KI ist in dieser Lehrveranstaltung nicht erlaubt.
Literatur
Vorläufige Literaturliste (Änderungen vorbehalten):
Aharon Appelfeld: Geschichte eines Lebens. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer (1999/2005).Heimrad Bäcker: nachschrift (1986).
Erich Hackl: Die Hochzeit von Auschwitz (2002)
Ders: Drei tränenlose Geschichten (2014).
Ders.: Literatur und Gewissen (2016).
Ders: Am Seil (2018).
Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend (1992).
Dies.: unterwegs verloren. Erinnerungen (2008).
Ludwig Laher: Herzfleischentartung (2001).
Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther (2015).
Martin Prinz: Die letzten Tage (2025).
Martin Pollack: Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater (2004).
Ders.: Topographie der Erinnerung. Essays (2016).
Robert Streibel: April in Stein (2015).
Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders (2003).Theoretischer Grundlagentexte:
Aleida Assmann. Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München: Beck 2006.
Frei, Norbert; Kansteiner, Wulf (Hg.): Den Holocaust erzählen. Historiographie zwischen wissenschaftlicher Empirie und narrativer Kreativität. Göttingen: Wallstein 2013.
Welzer, Harald; Moller, Sabine; Tschugnall, Karoline: "Opa war kein Nazi". Nationalsozialismus und Familengedächtnis. Frankfurt/M.: Fischer 2002.Zur Einführung empfohlen:
Friedländer, Saul : Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933-1939 (= Band 1). Die Jahre der Vernichtung 1939-1945 (= Band 2).
Stocker, Günther: Die Verbindlichkeit der Fakten: Erich Hackls dokumentarisches Erzählen über Nationalsozialismus und Holocaust. In: Piontek, S., Schmidt, M., Stocker, G. (Hg.): Nach der Postmoderne? Authentizitätskonzepte, Realitätshunger und neuer Dokumentarismus in der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart. Leiden, Boston: Brill 2026 (= Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik 104), S. 168-187.Primo Levi: Ist das ein Mensch?
Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab
Regelmäßige Lektüre der Pflichtliteratur
Aktive Mitarbeit in den Sitzungen
Beteiligung an Gruppenarbeiten
Referat
Exposé mit Bibliographie
Schriftliche Abschlussarbeit
Prüfungsimmanente Lehrveranstaltungen aus dem Angebot der SPL10 sind grundsätzlich anwesenheitspflichtig.
Abkürzungen: ÄdL: Ältere deutsche Sprache und Literatur – DaF/Z: Deutsch als Fremd- und Zweitsprache – FD: Fachdidaktik Deutsch – NdL: Neuere deutsche Literatur – SpraWi: Sprachwissenschaft
