Vorlesungs­verzeichnis

ÄdL: Frühneuhochdeutsche Konfektbücher

100142 SE-B 2022W

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Nächster Termin

Tuesday, 29.11.2022 13:15-14:45 Seminarraum I Germanistik Hauptgebäude, 1.Stock/Unterteilung, Stiege 7a über Stiege 9

 

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Das 16. Jahrhundert kennt mehrere Netzwerke hochadeliger, medizinisch gebildeter, sozial engagierter selbstständig wirkender Frauen. Als Landesmütter, Netzwerkerinnen, Briefschreiberinnen, Apothekerinnen ohne universitären Hintergrund und Organisatorinnen fürstlicher Festivitäten waren sie höchst aktiv und tauschten brieflich Rezepte aller Art aus, aus denen dann sogenannte Konfektbücher zusammengestellt werden konnten.
Ein Konfektbuch versammelt Produkte mit medizinischem Nutzen, meist zur Verdauungsförderung und Purgation, die ggf. auch als schmackhafte ‚Nascherei‘ verwendet werden konnten. Da die Schokolade noch nicht erfunden war, fallen darunter Fruchtgummis, Latwergen, Quittenbrote, Sirupe, Obstsäfte, Lebkuchen, Waffeln, eingemachtes Obst etc.
Der Begriff Confect entstammt wie das Produkt dem (lat.) medizinisch-pharmazeutischen Bereich. Insbesondere Walther Hermann Ryff (ca. 1500‒1548) bietet mit seiner reichen Produktion an gedruckten Werken in immer neuen Bearbeitungen, Nach- und Teildrucken hier Vergleichsmaterial zu den handschriftlichen Konfektbüchern, mit denen wir uns befassen wollen.
Anna Gräfin von Hohenlohe war eine der aktivsten, vielseitigsten und angesehensten heilkundigen Frauen des 16. Jahrhunderts. Sie verstand es, Wässer, Salben, Pulver, Tränke, Julepe, Zelten und Latwergen zuzubereiten. Die wenigen nichtmedizinischen Rezepte (kosmetische, kulinarische etc.) deuten nicht darauf hin, dass es hierzu eigene Sammlungen gab. Auf ihr Wirken geht das in der Heidelberger Handschrift Cpg 627 erhaltene Konfektbuch mit 146 Rezepten zurück, das jüngst erforscht wurde (Krotz 2022). Eine Transkription hiervon wird den Teilnehmer*innen zur Verfügung gestellt. Annas Familie hat weitere Rezepte diesem Bestand hinzugefügt und in einer repräsentativen Handschrift gesammelt, die heute in Dresden unter der Signatur Mscr. Dresd. App. 2865 aufbewahrt wird. Ein Digitalisat ist unter http://digital.slub-dresden.de/id477167187 verfügbar. Die Handschrift enthält 395 Rezepte, auch solche jüngeren Datums.
Unter den mehr als 200 nur in der Dresdner Handschrift erhaltenen Texten fallen einige eher unter die Gattung Lebensmittelkunde als Kochrezept bzw. beschreiben die Abwandlungen, die ein ‚ich‘ gegenüber den in den Büchern vorgefundenen Angaben gemacht hat und vermerken das Gelingen, was auch als Nachsatz zu Rezepten erfolgen kann, zum Beispiel: "Anno 1610 sein diese zeltten also gemacht, vnd sein fein worden, der zucker aber ist vff dem Feur stehen blieben, vnd dann den Quittenbrey darein geruhrt, das fein warmb ist blieben, aber nicht sieden laßen, hatt es klarer geben."
Ein weiteres Beispiel ist die Heidelberger Handschrift Cpg 253, Teil III, darin auf den Seiten 190r-202v 48 Rezepte für Aquae vitae, Säfte, Latwergen (insbesondere von Quitten) und zum Einmachen von Früchten, worin Rezepte für Erdbeer-, Himbeer-, Heidelbeer- und Holunderbeerlatwergen (197v) und Pfefferkuchen (202r) zu finden sind, siehe das Digitalisat unter https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg253 .

 

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Mehrere Teilaufgaben, die auf die Bachelorarbeit vorbereiten, während des Semesters:
• Transkription eines Teiles einer Konfektbuch-Handschrift
• Präsentation und Diskussion des eigenen Forschungskonzeptes (das einseitige Exposé ist 10 Tage vorher abzugeben)
• regelmäßige Mitarbeit
• Bachelorarbeit. Späteste Abgabe: 28. Februar 2023

Schriftliche Beiträge aller Lehrveranstaltungstypen der SPL 10 können einer automatischen Plagiatsprüfung unterzogen werden; dazu zählen insbesondere Arbeiten der Pro-, Bachelor- und Masterseminarstufe, aber auch Lehrveranstaltungsprüfungen (z.B. Vorlesungsprüfung) und Teilprüfungen (z.B. Zwischentest, 'Hausübungen').

 

Literatur

Elke Krotz, Vernetzte Rezept-Geschichte: Das 'Connfeckt Buechleinn' der Anna Gräfin von Hohenlohe (1577). In: Gerichte mit Geschichte. Transkulturelle Quellenstudien zur historischen Kulinarik und Diätetik: Beiträge der interdisziplinären Fachtagung Graz, 19.-21. September 2019, hg. von Andrea Hofmeister-Winter, Graz: Unipress Graz Verlag, S. 107-131 25 p. (Grazer mediävistische Schriften: Quellen und Studien, Vol. 3).
Rainer Beck, Lemonihändler. Welsche Händler und die Ausbreitung der Zitrusfrüchte im frühneuzeitlichen Deutschland. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte / Economic History Yearbook 45, 2004, H. 2, S. 97–123.
Andrea Hofmeister-Winter, 'vnd iz als ein latwergen'. Quellenstudie zu Vorkommen, Zusammensetzung und diätetischen Wirkzuschreibungen von Latwerge in älteren deutschsprachigen Kochrezepttexten. In: Andrea Hofmeister-Winter / Helmut W. Klug / Karin Kranich (Hrsg.): Der Koch ist der bessere Arzt. Zum Verhältnis von Diätetik und Kulinarik im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Fachtagung im Rahmen des Tages der Geisteswissenschaften 2013 an der Karl-Franzens-Universität Graz, 20.6.‒22.6.2013. Frankfurt am Main u. a.: Lang 2014 (Mediävistik zwischen Forschung, Lehre und Öffentlichkeit. 8), S. 223‒252.
Alisha Rankin, Panaceia’s Daughters. Noblewomen as Healers in Early Modern Germany. Chicago and London: The University of Chicago Press 2013.
C. Anne Wilson, The Book of Marmalade. Its Antecedents, its History and its Role in the World Today, together with a Collection of Recipes for Marmalades and Marmalade Cookery. Revised Edition. Philadelphia: University of Pennsylvania 1999.

 

Prüfungsstoff

Der Seminargegenstand. Individuelle Themenabsprache der BA-Arbeit.

 

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Prüfungsimmanente Lehrveranstaltungen aus dem Angebot der SPL10 sind grundsätzlich anwesenheitspflichtig.
Als Mindestanforderung gilt, dass das Thema, das Ziel und die Methode der Bachelorarbeit klar erkennbar sind, die wichtigste Forschungsliteratur berücksichtigt und verarbeitet wurde und der Anteil der eigenen Forschung klar erkennbar ist.
Die Bachelorarbeit selbst wird nach den Richtlinien "guten wissenschaftlichen Arbeitens" bewertet und muss die formalen Richtlinien der Universität Wien ebenso erfüllen als auch ein Thema inhaltlich stichhaltig darstellen und in den größeren Forschungskontext eingliedern.