Vorlesungs­verzeichnis

NdL: Franz Kafkas Erzählungen

100140 SE-B 2024S

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Vortragende:

Nächster Termin

Donnerstag, 27.06.2024 16:45-18:15 Seminarraum 1 Hauptgebäude, Tiefparterre Stiege 9 Hof 3

 

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

In der Erzählung „Es war im Sommer“ schlägt die Schwester des Ich-Erzählers so nebenbei und absichtslos gegen ein Hoftor, dass die Erzählung ihres Bruders unzuverlässig wird. Für die kleine Geste weiß der Erzähler keinen bestimmten Grund anzugeben und stellt sogar die Tat überhaupt in Frage. Aufgrund von Beschreibungen solcher kaum wahrnehmbarer Gesten balancieren viele Erzählungen Kafkas auf einer „schwankenden Natur von Erfahrungen“ (Walter Benjamin).
Wir werden anhand erzähltheoretischer Grundbegriffe untersuchen, welche Ursachen, Merkmale und Folgen dieses unsichere Erzählen hat. Beispielsweise lässt sich danach fragen, inwiefern vermeintlich absichtslose Gesten wie das Fahren des Fingers über die Augenbraue, ein beiläufiger Fußtritt gegen eine Stalltür, das Aufwerfen einer Bettdecke oder flüchtiges Pfeifen die imaginäre Kommunikationssituation fiktiven Erzählens ausstellen.
Wenn Gesten Darbietungen reiner Mittelbarkeit (Giorgio Agamben) sind, sich mittels Gesten das „In-einem-Medium-Sein des Menschen“ (Agamben) zum Ausdruck bringt, inwiefern haben sie dann Einfluss auf den Grad an Mittelbarkeit und die Perspektivierung des jeweils Erzählten? Dadurch dass die Vermittlungstätigkeit von Kafkas Erzählinstanzen an den kleinsten, von ihnen beschriebenen Gesten sichtbar wird, sind sie gezwungen, auf das von ihnen Erzählte hin beweglich zu bleiben.
An ausgewählten Erzählungen werden wir gemeinsam erarbeiten, wie die Gesten des jeweils erzählten Ichs nicht nur auf den Erzählmodus des erzählenden Ichs Einfluss nehmen, sondern auch auf seinen Erzählzeitpunkt sowie seine Stellung zum Geschehen. Sind Gesten als „Realitätseffekte“ (Roland Barthes) zu begreifen, die nur ungenügend die Erzählung einer Geschichte motivieren und allein Geschehen darstellen? Setzen sie als „freie“ Motive ihrer narrativen Funktionalisierung eine Widerständigkeit des Faktischen entgegen? Könnten die kleinen unbeabsichtigten Gesten in Kafkas Erzählungen gar narrative Kurzschlüsse auslösen, bei denen statt der logisch privilegierten Erzählinstanzen fokalisierende Instanzen die Erzählkommunikation übernehmen – dies jedoch gerade und paradoxerweise nicht-verbal?
Hierzu ist interessant, dass Kafka seinen ersten Erzählungsband „Betrachtung“ nannte. Mit diesem werden wir unsere Analysen beginnen und uns im Laufe des Semesters bis zu einer seiner spätesten Erzählungen – „Der Bau“ – durchgraben.

 

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

- regelmäßige Anwesenheit (nicht mehr als dreimaliges unentschuldigtes Fehlen), Teilnahme an den Diskussionen; Lektüre-Protokolle, Reflexionen
- Schriftliches Exposé (der BA-Arbeit)
- Präsentation der geplanten Arbeit (inkl. Handouts)
- Bachelorarbeit im Umfang von mindestens 30 Seiten Haupttext

Schriftliche Beiträge aller Lehrveranstaltungstypen der SPL 10 können einer automatischen Plagiatsprüfung unterzogen werden; dazu zählen insbesondere Arbeiten der Pro-, Bachelor- und Masterseminarstufe, aber auch Lehrveranstaltungsprüfungen (z.B. Vorlesungsprüfung) und Teilprüfungen (z.B. Zwischentest, 'Hausübungen').

 

Literatur

Primärliteratur (Auszüge aus):
Kafka, Franz: Schriften, Tagebücher, Briefe.
Kritische Ausgabe. Hg. von Gerhard Neumann u.a.. Frankfurt a.M.: Fischer 1982–2013.
Daraus vor allem Auszüge aus:
Tagebücher (1990).
Nachgelassene Schriften und Fragmente II (1992).
Nachgelassene Schriften und Fragmente I (1993).
Drucke zu Lebzeiten (1996).

erste Sekundärliteratur (weitere Sekundärliteratur zu Beginn und im Laufe des Seminars):

Müller, Dorit u. Julia Weber (Hg.): Räume der Literatur. Exemplarische Zugänge zu Kafkas Erzählung ‚Der Bau‘. Berlin/Boston: De Gruyter 2013.
Neumeyer, Harald u. Wilko Steffens (Hg.): Kafkas Betrachtung. Kafka interkulturell. Unter Mitarbeit von Kristina Jobst und Christina-Marie Steffens. Würzburg: Königshausen & Neumann 2013.
Dies. (Hg.): Kafkas narrative Verfahren. Kafkas Tiere. Würzburg: Königshausen & Neumann 2015.

Sekundärliteratur zur Wiederholung/Einführung in die Erzähltheorie (weitere Sekundärliteratur zu Beginn und im Laufe des Seminars):

Bal, Mieke: Narratology. Introduction to the Theory of Narrative. Third Edition. Toronto/Buffalo/London: University of Toronto Press 2009.
Genette, Gérard: Die Erzählung. 3., durchgesehene u. korrigierte Auflage. Paderborn: Fink 2010.
Matías Martínez u. Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 10. überarb. u. aktualisierte Auflage. München: C.H. Beck 2016.

 

Prüfungsstoff

siehe Angaben unter "Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab"

 

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Lektüre der Pflichtliteratur; Mitarbeit in den Sitzungen; Exposé und Präsentation der geplanten BA-Arbeit;
Schriftliche Abschlussarbeit (30 Seiten Haupttext)
Grundlage der Beurteilung sind mündliche sowie schriftliche Leistungen. Mitarbeit, Exposé sowie Präsentation des Abschlussprojekts umfassen dabei 30 Prozent, die schriftliche Abschlussarbeit 70 Prozent.

Umfang der Abschlussarbeiten:
Bachelorarbeiten 30 Seiten Haupttext

Werden technische Hilfsmittel wie KI-Chatbots für Leistungsnachweise in dieser LV verwendet, so müssen die Quellen, die Prompts, die Outputs und die Modifikationen jeweils im Anhang angeführt bzw. gekennzeichnet werden; Plagiate sind in keiner Form erlaubt.

Prüfungsimmanente Lehrveranstaltungen aus dem Angebot der SPL10 sind grundsätzlich anwesenheitspflichtig. Maximal zweimaliges Fehlen ist erlaubt. Eine konsequenzlose Abmeldung ist bei wöchentlichen Lehrveranstaltungen bis vor der dritten LV-Einheit möglich, bei 14-tägigen Lehrveranstaltungen und Blöcken bis vor dem zweiten Termin.