Konversatorium NdL: Literatur und Imagination Autorinnenkolloquium mit Andrea Winkler
100138 KO 2025W
Vortragende:
Zusatztermine:
Samstag, 10.1.2025 – 9-14.45 Uhr
Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung
Ausgehend vom Werk der Autorinnengästin Andrea Winkler sollen zum einen die unten weiter ausgeführten rezeptions- und produktionsästhetischen Fragen beleuchtet werden. Zum anderen soll es aber auch, ausgehend von Winklers jüngstem, poetisch-poetologischem Buch "Mitten im Tag" (2025) um die Frage nach Imaginationen als Thema und Gegenstand in literarischen Texten gehen. Dabei spielt vor allem der Gegenstand „Traum“ und das Genre „Traumerzählungen“ („Traumberichte“), wie auch „Träume" (verstanden als Raum anderer Wahrnehmung, im weitesten Sinn als Art des Imaginierens), eine besondere Rolle. Verschiedene Theorien des Traumes sollen beleuchtet und mit Blick auf literarische Gestaltungen diskutiert werden. Dies umfasst unter anderem den Bezug von poetisch-ästhetischen Verfahren zu Träumen und Traumberichten, wie z.B. Elisabeth Lenk den „nächtlichen Traum in Analogie zu ästhetischen Phänomenen“ zu betrachten vorschlägt. In theoretischer Hinsicht sollen dazu die von Freud konstatierten Mechanismen „Verschiebung“ und „Verdichtung“ und ihre Karriere innerhalb der Literaturwissenschaft (z.B. ihre verwandelnde Adaption im Formalismus von Roman Jakobson) untersucht wie auch eine Rekonstruktion von ausgewählten Aspekten der so genannten psychoanalytischen Literaturwissenschaft versucht werden.
Folgende Punkte lassen sich rezeptions- und produktionsästhetisch am Thema „Literatur und Imagination“ ausdifferenzieren:Die Frage nach dem Zusammenhang von Imagination und Literatur umfasst viele unterschiedliche, allerdings miteinander zusammenhängende Aspekte: Zum einen werden in literarischen Texten häufig Imaginationen zum Erzählgegenstand und -setting gewählt, sei es in den Träumen, Wünschen, Hoffnungen von literarischen Figuren, sei es durch das Genre insgesamt, unter dem die Texte betrachtet werden können, als da sind Traumberichte, Utopien oder auch fantastische Literatur.
Zum andren kann aber die Vorstellungstätigkeit der Lesenden beim Lesen literarischer Texte zum Gegenstand literaturwissenschaftlicher Befassung werden. Diese Frage ist auf unterschiedliche Weisen – empirisch und eher spekulativ-theoretisch – in den letzten Jahren als Teilbereich der so genannten „Kognitiven Poetik“ diskutiert und beforscht worden. Der Fokus liegt dabei auf mentalen Vorgängen, über die die Lesenden berichten können und die im Rahmen empirischer Fragestellungen und mit empirischen Methoden oder anhand theoretischer Überlegungen untersucht werden.
Jüngere Arbeiten zum Verhältnis von Imagination (mentalen Bildern) und literarischen Texten zielen auf folgende Fragen ab: „a) Was sind die grundlegenden Arten von mentalen Bildern beim Lesen literarischer Texte? b) Durch welche Inhalte oder Erzählstrategien werden sie am ehesten hervorgerufen? c) Wie ist es, ein mentales Bild einer bestimmten Art zu erleben? d) Was sind seine psychophysiologischen Grundlagen? e) Wie hängt ein mentales Bild einer bestimmten Art mit der Wahrnehmung zusammen? f) Wie hängt es mit der Bedeutungsstiftung auf einer höheren Ebene zusammen?“ (Kuzmičová 2013, 13)Kritische Einführung und Lektüren der theorierelevanten Texte und der Primärliteratur; Formierung von Expert:innengruppen, die ein jeweiliges Thema vertieft bearbeiten und die Einheit in Abstimmung mit dem LV-Leiter konzipieren; die jeweiligen Fokustexte (die von allen zu lesen sind) sind die Grundlage der Gestaltung der jeweiligen Einheit, in denen das gemeinsam moderierte Gespräch (u.a. anhand von Diskussionsfragen) den größten Raum einnimmt.
Besuch von Andrea Winkler in 3 Einheiten; Präsentation eines zu erarbeitenden Programms bei einer Veranstaltung (vor allgemeinem Literaturpublikum) in der Alten Schmiede Wien. Bei Nichtteilnahme an der Veranstaltung in der Alten Schmiede Kompensationsleitung in Form eines 10-seitigen Essays zu einem zu vereinbarenden Thema aus dem KO.
Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel
Prüfungsimmanente Lehrveranstaltungen aus dem Angebot der SPL10 sind grundsätzlich anwesenheitspflichtig. Diese Lehrveranstaltung erfordert die regelmäßige Anwesenheit der Teilnehmer*innen zur Diskussion der Fokustexte und Inputs der LV-Leitung. Ein zweimaliges Fehlen ist zulässig. Ein mehrmaliges Fehlen ohne wichtigen Grund führt zu einer negativen Beurteilung.
Eine konsequenzlose Abmeldung ist bei wöchentlichen Lehrveranstaltungen bis vor der dritten LV-Einheit möglich, bei 14-tägigen Lehrveranstaltungen und Blöcken bis vor dem zweiten Termin.
Literatur
Ausgewählte Literatur
Alt, Peter-André: „Ankunft des Unbewußten. Von der Leibreiztheorie zur Psychoanalyse (Scherner, Volkelt, Freud)“, Ders. Der Schlaf der Vernunft. Literatur und Traum in der Kulturgeschichte. München: C.H. Beck 2002, 306-330.
Burke, Michael und Emily T. Troscianko (Hg.). Cognitive Literary Science. Dialogues between Literature and Cognition. Oxford: Oxford UP 2017.
Caracciolo, Marco. The Experientiality of Narrative. An Enactivist Approach. Berlin, Boston: De Gruyter 2014.
Fechner, Gustav Theodor. Vorschule der Aesthetik. Leipzig: Breitkopf & Härtel 1876.
Freud, Sigmund. „Der Dichter und das Phantasieren“. GW 7, 213-223.
Ders., „Der Wahn und die Träume in W. Jensens ‚Gradiva‘“. GW 7, 31-125.
Hogan, Patrick Colm. Cognitive Science, Literature, and the Arts. A Guide for Humanists. New York, London: Routledge 2003.
Jakobson, Roman. „Zwei Seiten der Sprache und zwei Typen aphatischer Störungen“. Ders. Grundlagen der Sprache, Berlin, Boston: De Gruyter 1960, 47-70.
Kris, Ernst. Die ästhetische Illusion. Phänomene der Kunst in der Sicht der Psychoanalyse. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1977.
Kuzmičová, Anežka. Mental Imagery in the Experience of Literary Narrative. Views from Embodied Cognition. Stockholm: 2013.
Lenk, Elisabeth. Die unbewusste Gesellschaft. München: Matthes & Seitz 1982.
Ludwig, Paula: Träume. Traumaufzeichnungen und Texte aus dem Nachlass. Hg. v. Chiara Conterno u. Ingrid Fürhapter. Göttingen: Wallstein 2024.
Piaget, Jean: Nachahmung, Spiel und Traum. Die Entwicklung der Symbolfunktion beim Kinde. Stuttgart: Klett-Cotta 52003.
Silberer, Herbert. Der Traum. Einführung in die Traumpsychologie. Stuttgart: F. Enke 1919.
Troscianko, Emily T. Kafka’s Cognitive Realism. New York., London: Routledge 2014.
Wiener, Oswald. „Über das Sehen im Traum“, 3 Teile (Moodle)
Winkler, Andrea. König, Hofnarr und Volk. Einbildungsroman. Wien: Zsolnay 2013.
Dies. Die Frau auf meiner Schulter. Roman. Wien: Zsolnay 2018.
Dies. Mitten im Tag. Prosa. Wien: Sonderzahl 2025.
Prüfungsstoff
Gesamte Semesterlektüre und Diskussionen
Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab
Konsequente Vorbereitung, aktive Mitarbeit in Wort und Schrift, Expert:innenstatus zu ausgewählten Themenblöcke, Bereitschaft zur Erschließung komplexer Zusammenhänge mit Hilfe von jüngeren literaturtheoretischen Angeboten, kritische Theoriereflexion.
Die Leistungsfeststellung erfolgt über mehrere, auch während des Semesters zu erbringende Leistungen. Am Ende des Semesters steht eine mündliche Prüfung über die erarbeiteten Inhalte und die Semesterlektüre.
Schriftliche Beiträge aller Lehrveranstaltungstypen der SPL 10 können einer automatischen Plagiatsprüfung unterzogen werden; dazu zählen insbesondere Arbeiten der Pro-, Bachelor- und Masterseminarstufe, aber auch Lehrveranstaltungsprüfungen (z.B. Vorlesungsprüfung) und Teilprüfungen (z.B. Zwischentest, 'Hausübungen').
Beurteilungsmaßstab: Expert:innenrolle und Gestaltung einer Einheit: 30 %, Mitarbeit und Diskussionsbeiträge: 10 %, Präsentation Alte Schmiede: 30 %, mündliche Schlussprüfung: 30 %.
Abkürzungen: ÄdL: Ältere deutsche Sprache und Literatur – DaF/Z: Deutsch als Fremd- und Zweitsprache – FD: Fachdidaktik Deutsch – NdL: Neuere deutsche Literatur – SpraWi: Sprachwissenschaft
