Masterseminar NdL: Theorien des Märchens
100125 SE 2025W
Vortragende:
11.12. Buchvorstellung und Podiumsdiskussion
Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung
Auch im 21. Jahrhundert sind Märchen in der Kinder- und Erwachsenenunterhaltung allgegenwärtig. New-Adult-Literatur, Romantasy sowie zahlreiche filmische Adaptionen und Aktualisierungen bekannter Märchenerzählungen sorgen dafür, dass die Handlung von Märchenklassikern wie „Aschenputtel” bekannt ist – auch abseits der Version der Brüder Grimm. Gerade die Popularität und Stabilität ihrer Erzählmuster machen sie zur beliebten intertextuellen Referenz und zur Vorlage für Neulektüren. Durch die Variation und Transformation der Märchenplots enthalten diese Haltungen zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Dass Märchen nicht bloß kindergerechte Geschichten mit Happy End sind, gehört zu ihrer frühen Gattungsgeschichte. Seit dem späten 18. Jahrhundert wurden sie sowohl als Zeugnis authentischer nationaler Volkskultur als auch als Mittel der sittsamen Erziehung in Form von Märchensammlungen gedruckt. Die berühmte Sammlung Kinder- und Hausmärchen (1812) von Jacob und Wilhelm Grimm etwa entfachte eine Diskussion über pädagogische Eignung und philologische Treue, deren Rekonstruktion und Interpretation bis heute andauert, wie die aktuelle Grimm-Biografie von Ann Schmiesing zeigt.
Das Genre Märchen erfreute sich jedoch auch über die Brüder Grimm und dem Konstrukt „Volksmärchen“ hinaus in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und literaturwissenschaftlichen Schulen großer Beliebtheit. So wurde es etwa als Beweismittel und therapeutisches Instrument im Feld der Psychoanalyse und Entwicklungspsychologie, aber auch als frühes Zeugnis eines widerständigen Klassenbewusstseins, als Ausdruck menschlicher Wünsche, Ängste und Bestrebungen sowie als Phänomen, das ausschließlich vor seinem historischen Entstehungshintergrund zu deuten ist. Seit den 1970er Jahren wurden Märchen feministischen, marxistischen und postkolonialen Lektüren unterzogen.
Vor diesem Hintergrund werden wir ausgewählte Märchen von u.a. Charles Perrault, den Brüdern Grimm, Hans Christian Andersen, Ludwig Tieck, E. T. A. Hoffmann, Theodor Storm, Wilhelm Hauff, Gottfried Keller, Hermynia Zur Mühlen und Lisa Tetzner mit Texten von u.a. Sigmund Freud, Bruno Bettelheim und Vladimir Propp zusammenlesen. Im Zentrum der Diskussion soll die Frage stehen, welche Effekte die theoretischen Versuche auf das Verständnis der Texte zeitigen. Das Nebeneinander unterschiedlicher theoretischer Zugänge soll ein Gespräch über ihre Stärken, aber auch Blindpunkte ermöglichen sowie über ihre Bedeutung für die aktuelle literaturwissenschaftliche Forschung.
Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel
Schriftliche Beiträge aller Lehrveranstaltungstypen der SPL 10 können einer automatischen Plagiatsprüfung unterzogen werden; dazu zählen insbesondere Arbeiten der Pro-, Bachelor- und Masterseminarstufe, aber auch Lehrveranstaltungsprüfungen (z.B. Vorlesungsprüfung) und Teilprüfungen (z.B. Zwischentest, 'Hausübungen').
Literatur
Bettelheim, Bruno. Kinder brauchen Märchen. 26., ungekürzte Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2004.
Bluhm, Lothar, und Stefan Neuhaus (Hrsg.). Handbuch Märchen. 1. Auflage. Berlin Heidelberg / J.B. Metzler, 2023.
Lüthi, Max. Es war einmal: Vom Wesen des Volksmärchens. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008.
Plumpe, Werner. Das kalte Herz: Kapitalismus – Die Geschichte einer andauernden Revolution. Berlin: Rowohlt, 2019.
Propp, Vladimir Jakovlevič. Morphologie des Märchens. 2. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1982.
Tatar, Maria. The Hard Facts of the Grimms’ Fairy Tales: Expanded Edition. Princeton, NJ: Princeton University Press, 2019.
Warner, Marina. Once Upon a Time: A Short History of Fairy Tale. Oxford: Oxford University Press, 2014.
Prüfungsstoff
Kenntnis der gemeinsam besprochenen Märchen- und Theorietexte
Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab
Regelmäßige, aktive Teilnahme an der Lehrveranstaltung,
gründliche Lektüre der Texte und Bereitschaft, darüber zu diskutieren,
Verfassen eines Theoriethesenblatts (in Kleingruppen) sowie einer Märchenanalyse (individuell) und deren Präsentation vorm Plenum,
schriftliche Seminararbeit (25/35 Seiten, Deadline 15.3.2026).
Studierende, die der ersten Einheit unentschuldigt fern bleiben, verlieren ihren Platz in der Lehrveranstaltung.
Maximal zweimaliges Fehlen ist erlaubt. Eine konsequenzlose Abmeldung ist bei wöchentlichen Lehrveranstaltungen bis vor der dritten LV-Einheit möglich, bei 14-tägigen Lehrveranstaltungen und Blöcken bis vor dem zweiten Termin.Umfang der Abschlussarbeiten: Seminararbeiten 25 Seiten HaupttextDas Hauptgewicht der Beurteilung liegt auf der schriftlichen Seminararbeit.Modul V Masterseminar mit Zusatzleistung aus dem Master Deutsche Philologie (12 ECTS): Für die Aufwertung des Seminars um 6 ECTS muss eine verpflichtende schriftliche Mehrleistung (10 Seiten Haupttext) erbracht werden, d.h. es muss eine Seminararbeit im Umfang von 35 Seiten Haupttext verfasst werden.Die Seminararbeit muss bis zum 15.3.2026 über Moodle eingereicht werden.
Die LV-Leitung hat 4 Wochen, um die Seminararbeit zu beurteilen.
Wenn diese Seminararbeit negativ beurteilt wird und damit die Beurteilung der gesamten Lehrveranstaltung negativ ist, wird den Studierenden eine Verbesserungsmöglichkeit eingeräumt.
Die Studierenden erhalten ein Feedback mit Kriterien, die sie erfüllen müssen, damit die Teilleistung noch positiv beurteilt werden kann. Diese Kriterien müssen in spätestens 3 Wochen erfüllt werden, in dem die verbesserte Teilleistung über Moodle erneut eingereicht werden.
Danach hat die LV-Leitung wieder 4 Wochen für die Beurteilung Zeit.
Sollte die Frist versäumt oder die Kriterien nicht erfüllt werden, wird die gesamte LV negativ beurteilt.
Abkürzungen: ÄdL: Ältere deutsche Sprache und Literatur – DaF/Z: Deutsch als Fremd- und Zweitsprache – FD: Fachdidaktik Deutsch – NdL: Neuere deutsche Literatur – SpraWi: Sprachwissenschaft
