Konversatorium NdL: Literarisches Lesen: Theorie und Stand einer kulturellen Praxis
100122 KO 2025W
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Montag, 19.01.2026 15:00-16:30 Seminarraum 3 Hauptgebäude, Tiefparterre Stiege 9 Hof 5
Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung
Angesichts ihrer zentralen Bedeutung für alle Beschäftigung mit Literatur spielt die Frage nach dem Lesen in der Literaturwissenschaft nach wie vor eine verschwindend geringe Rolle. Lesetheorien tauchen zwar immer wieder einmal in den philologischen Diskurslandschaften auf, haben aber kaum nachhaltige Wirkung für die Fächer. Die Komplexität des Gegenstandes und die Ignoranz der hermeneutischen wie antihermeneutischen, in jedem Fall aber autor- oder textzentrierten Literaturwissenschaften haben bezüglich der Frage nach dem Lesen literarischer Texte zu einer enorm fragmentierten Forschungslandschaft geführt. Bereits bestehende theoretische Überlegungen werden nicht zur Kenntnis genommen und schon gar nicht fortgesetzt, d.h., es gibt in der Literaturwissenschaft keine kohärente wissenschaftliche Debatte zu einer für das Fach grundlegenden Praxis. Das erschwert nicht zuletzt die Anschlussfähigkeit des Faches an die in anderen Disziplinen wie der Kognitionswissenschaft, der Psychologie oder der Pädagogik sehr intensiv betriebenen Leseforschung. In den letzten Jahren ist allerdings eine verstärkte literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Lesen festzustellen - nicht zuletzt motiviert durch die vermeintliche Bedrohung der Lesekultur durch die Digitalisierung.
In dieser Lehrveranstaltung sollen einerseits grundlegende lesetheoretische Texte diskutiert werden, andererseits aber auch aktuelle Entwicklungen der literarischen Lesekultur (Hörbücher, BookTok, neue Genres) in den Blick kommen, um zu einem möglichst breiten und tiefen Verständnis des literarischen Lesens in der Gegenwart zu kommen.
Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel
Die Leistungsfeststellung erfolgt über mehrere, auch während des Semesters zu erbringende Leistungen. Am Ende des Semesters steht eine mündliche Prüfung über die erarbeiteten Inhalte und die Semesterlektüre.
Die Verwendung von KI (z.B. Chat GPT) ist in dieser Lehrveranstaltung nicht erlaubt.Schriftliche Beiträge aller Lehrveranstaltungstypen der SPL 10 können einer automatischen Plagiatsprüfung unterzogen werden; dazu zählen insbesondere Arbeiten der Pro-, Bachelor- und Masterseminarstufe, aber auch Lehrveranstaltungsprüfungen (z.B. Vorlesungsprüfung) und Teilprüfungen (z.B. Zwischentest, 'Hausübungen').
Literatur
Vorläufige Literaturliste (Eine vollständige, detaillierte Literaturliste wird in der ersten Sitzung vorgestellt):
Baßler, Moritz: Der neue Midcult. Vom Wandel populärer Leseschaften als Herausforderung der Kritik. In: POP. Kultur und Kritik, Heft 18, Frühling 2021, S. 132-149.Calvino, Italo (1984): Kybernetik und Gespenster. Vortrag 1967.- In: ders. (1984): Kybernetik und Gespenster. Überlegungen zu Literatur und Gesellschaft.- München: Hanser, S. 7-26.
Fish, Stanley (1980): Is there a Text in this Class? The Authority of Interpretative Communities. Cambridge, MA, und London: Harvard University Press.
Iser, Wolfgang (1975): Die Appellstruktur der Texte. In: Warning, Rainer (Hg.): Rezeptionsästhetik. Theorie und Praxis. München: Fink 1975, S. 228-252
Kosch, Lukas (2025): Literarisches Lesen. Von der literaturwissenschaftlichen Lesetheorie zur transdisziplinären Leseforschung. Göttingen: Wallstein.
Lauer, Gerhard (2020): Lesen im digitalen Zeitalter. Darmstadt: wbg.
Lauer, Gerhard: Die neue literarische Öffentlichkeit. Zum Stand eines Strukturwandels. In: Merkur 79 (910), S. 26-39.
Pianzola, Federico: »Social Reading becomes digital«. In: Ders. (Hg.): Digital Social Reading. Sharing Fiction in the 21st Century. Cambridge, Massachusetts: MIT Press, 2021, S. 2–29.
Schmidt, Marie: Die Literatur der Massenmedien: Was lenkt den Blick der Kritik? In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 97/2023, S. 1093-1101.
Stocker, Günther (2025): Empfindsamkeit 2.0? Lesende Gesichter in den sozialen Medien. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 55/2025/3.
Strasen, Sven: Rezeptionstheorien. Literatur-, sprach- und kulturwissenschaftliche Ansätze und kulturelle Modelle. Trier: Wissenschaftlicher Verlag 2008.
Prüfungsstoff
Sämtliche besprochenen Texte und der Inhalt der einzelnen Sitzungen
Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab
Regelmäßige, d.h. wöchentliche Lektüre der Pflichtliteratur
Aktive Mitarbeit in den Sitzungen
Beteiligung an Gruppenarbeiten
Verfassen eines Protokolls einer Sitzung
Anwesenheit bei einem Gastvortrag
Referat
Mündliche Abschlussprüfung
Studierende, die der ersten Einheit unentschuldigt fern bleiben, verlieren ihren Platz in der Lehrveranstaltung.
Maximal zweimaliges Fehlen ist erlaubt. Eine konsequenzlose Abmeldung ist bei wöchentlichen Lehrveranstaltungen bis vor der dritten LV-Einheit möglich, bei 14-tägigen Lehrveranstaltungen und Blöcken bis vor dem zweiten Termin.
Abkürzungen: ÄdL: Ältere deutsche Sprache und Literatur – DaF/Z: Deutsch als Fremd- und Zweitsprache – FD: Fachdidaktik Deutsch – NdL: Neuere deutsche Literatur – SpraWi: Sprachwissenschaft
