Proseminar NdL: Polemik und Satire in Österreich: Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek
100116 PS 2025W
Vortragende:
Die Sitzung vom 19. Jänner 2026 findet an der Forschungsstelle Thomas Bernhard der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Bäckerstraße 13/I, A-1010 Wien) statt.
Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung
Am 26. Jänner 1981 nennt Thomas Bernhard den damaligen österreichischen SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky in der Zeitschrift ‚Profil‘ einen „Kleinbürger“ und „Halbseidensozialist[en]“, der als „Sozimonarch“ zu einer Witzfigur geworden sei. In seinem mittlerweile kultgewordenen Skandalstück ‚Heldenplatz‘ heißt es sieben Jahre später aus dem Munde der Figur Robert Schuster, „der Kanzler“ – zu diesem Zeitpunkt hatte dieses Amt bereits Franz Vranitzky inne – sei „ein pfiffiger Staatsverschacherer“ und „die Karikatur eines Sozialisten“. Worin besteht der strukturelle Unterschied zwischen diesen beiden Texten? Wer spricht hier auf welche Weise zu uns? Handelt es sich um Satire oder doch um Polemik? Und warum verwirrt uns das eigentlich so?
Glaubt man einem bekannten Sammelband von Jeanne Benay und Gerald Stieg, so ist Österreich das „Land der Satire“. Gleichzeitig werden viele jener Autor:innen, die in den letzten Jahrzehnten für diesen Gattungsbegriff infrage kommen, oft auch als Polemiker:innen bezeichnet. Polemik (von griech. πόλεμος ‚Krieg, Streit‘) ist als Beschimpfung mit „Schlips“ (Stenzel) definiert worden, als literarische „Anwendung von Gewalt“ (von Matt), als Rede mit „agonaler Energie“ (Wolf) und als „rhetorisches Pendant des Krieges“ (Spoerhase/Bremer). Zur Abgrenzung gegenüber der Satire hat die Forschung häufig die Fiktionalisierung verwendet: Falls ‚echte‘ Personen gemeint sind, handle es sich um Polemik – falls nicht, um Satire. Spätestens wenn es um die Frage der Kunstfreiheit geht, wird diese Grenze allerdings zum Politikum: Genügt es, wenn Thomas Bernhard seine Dichterkollegin Friederike Mayröcker in „Juniröcker“ umbenennt, um sich in seinen Texten jede Aussage über sie erlauben zu können?Die Lehrveranstaltung geht diesen Fragen am Beispiel der österreichischen Autor:innen Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek nach. Im Zentrum steht dabei das Verhältnis von dezidiert als fiktional ausgewiesenen (wie Theaterstücken oder Romanen) zu publizistischen Texten bzw. öffentlichen Auftritten der Autor:innen. Dazu sollen die gängigen Definitionen und Konzepte zu Satire und Polemik gesichtet und hinterfragt werden, um daran anschließend an konkreten Texten mögliche Strategien herauszuarbeiten, welche die Autor:innen mit diesen Konzepten verfolgen. In den Proseminararbeiten, deren Konzept im Laufe der Lehrveranstaltung erarbeitet werden soll, haben die Studierenden abschließend die Gelegenheit, die während des Semesters angestellten Überlegungen anhand eines erweiterten Textkorpus zu erproben bzw. spezifisch zu vertiefen.
Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel
- Anwesenheit (max. zwei Fehlsitzungen) und aktive Mitarbeit
- Vorbereitung der für die jeweilige Sitzung vorgesehenen Pflichtlektüre
- Impulsreferat und Diskussionsleitung zu einem der vorgesehenen Primärtexte (20%)
- Abgabe kleinerer Arbeitsaufträge während des Semesters (20%)
- Proseminararbeit nach Rücksprache mit dem LV-Leiter (Abgabe bis 1. März 2026; Umfang: 15 Seiten Haupttext; 60%)
Achten Sie auf die Einhaltung der Standards guter wissenschaftlicher Praxis und die korrekte Anwendung der Techniken wissenschaftlichen Arbeitens und Schreibens.
Plagiierte und erschlichene Teilleistungen führen zur Nichtbewertung der Lehrveranstaltung (Eintragung eines ‚X‘ im Sammelzeugnis). Das gilt auch für die Verwendung textgenerativer KI-Tools wie ChatGPT.
Die LV-Leitung kann Studierende zu einem notenrelevanten Gespräch über erbrachte Teilleistungen einladen.
Literatur
Primärlektüre (rechtzeitig in dieser oder in Folgeauflagen anzuschaffen; nähere Informationen in der ersten Sitzung):
- Thomas Bernhard, Holzfällen. Eine Erregung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1984.
- Thomas Bernhard, Heldenplatz, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988.
- Elfriede Jelinek, Theaterstücke, hg. v. Ute Nyssen u. Regine Friedrich, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1992 (rororo, Bd. 12996).
- Elfriede Jelinek, Stecken, Stab und Stangl. Raststätte oder Sie machens alle. Wolken.Heim. Neue Theaterstücke, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1997 (rororo, Bd. 22276).
- Thomas Bernhard, Der Wahrheit auf der Spur. Reden, Leserbriefe, Interviews, Feuilletons, hg. v. Wolfram Bayer, Raimund Fellinger u. Martin Huber, Berlin: Suhrkamp 2011.
- Sigurd Paul Scheichl, Polemik, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte, Bd. 3, hg. v. Jan-Dirk Müller, Berlin/New York: De Gruyter 2003, S. 117–120.
- Carlos Spoerhase, Methodenskizze zur systematischen Rekonstruktion der literarischen Satire, in: Scientia Poetica 24 (2020), S. 307–320.
- Norbert Christian Wolf, Einleitung, in: Musil-Forum 36 (2019/20), S. 1–13.Als begleitende Nachschlagewerke empfohlen (online über u:search verfügbar):
- Martin Huber / Manfred Mittermayer (Hg.), Bernhard-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart: Metzler 2018.
- Pia Janke (Hg.), Jelinek-Handbuch, 2., aktual. u. erw. Aufl., Berlin: Metzler 2024.
Prüfungsstoff
In dieser Lehrveranstaltung findet keine Prüfung statt. Die Beurteilung ergibt sich aus den oben gelisteten Teilleistungen.
Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab
Zur positiven Beurteilung sind neben satzungsgemäßer Mindestanwesenheit das Impulsreferat, die Abgabe von mehr als der Hälfte der Arbeitsaufträge sowie die (positiv beurteilte) Abgabe der Proseminararbeit zwingend erforderlich.
Falls die Proseminararbeit negativ beurteilt wird und nur aus diesem Grund eine negative Gesamtbeurteilung zu erwarten ist, haben die Studierenden das Recht, bis Ende April eine Überarbeitung nachzureichen. Wird diese Abgabefrist versäumt bzw. die Arbeit erneut negativ beurteilt, wird die gesamte Lehrveranstaltung negativ beurteilt.
Studierende, die der ersten Einheit unentschuldigt fern bleiben, verlieren ihren Platz in der Lehrveranstaltung.
Maximal zweimaliges Fehlen ist erlaubt. Eine konsequenzlose Abmeldung ist bei wöchentlichen Lehrveranstaltungen bis vor der dritten LV-Einheit möglich, bei 14-tägigen Lehrveranstaltungen und Blöcken bis vor dem zweiten Termin.
Abkürzungen: ÄdL: Ältere deutsche Sprache und Literatur – DaF/Z: Deutsch als Fremd- und Zweitsprache – FD: Fachdidaktik Deutsch – NdL: Neuere deutsche Literatur – SpraWi: Sprachwissenschaft
