Proseminar NdL: The Making of Austrians
(Selbst-)Verwaltung von Adalbert Stifter bis zur Wiener Gruppe
100111 PS 2026S
Vortragende:
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Montag, 23.03.2026 09:45-11:15 Seminarraum 4 Hauptgebäude, Tiefparterre Stiege 9 Hof 5
Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung
Die Bürokratie als soziales Dispositionssystem verläuft, wie Wendelin Schmidt-Dengler polemisch festhält, gleichsam als „Ariadnefaden durch das Labyrinth der österreichischen Literatur“ — sei es Ulrich in Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, der als Mitglied der ‚Parallelaktion‘ wie wild Vereine zur Verwaltung des Österreichischen Geistes zu gründen beginnt; der Amtsrat Julius Zihal in Heimito von Doderers „Die erleuchteten Fenster“, der eruiert, ob ein Leben nach dem Staatsdienst überhaupt möglich sein könne, oder sei es Kafkas „Process“, in dem das Recht die ganze Gesellschaft in verwaltender Weise durchdringt, sich jedoch zu keinem Auskunftstermin bequemen möchte.
Dabei bezeichnen öffentliche Administrationen nicht einfach willkürliche Zugriffe des Staates auf das Individuum. Ihrem konstitutiven Auftrag, Rechtssicherheit zu schaffen, kommen Verwaltungen auf Basis eines komplexen Netzwerks von ‚paperwork‘ nach – Notizen, Berichte, Protokolle, Akten etc. Waren diese administrativen Praktiken bis zum frühen 20. Jahrhundert noch Beamten in hoheitlichem Auftrag übertragen, beginnen diese seitdem immer mehr die Kapillaren der Gesellschaft selbst zu durchdringen, um aus Bürger:innen selbstverwaltete Individuen entlang gouvernementaler Rationalitätslinien zu machen.Für das literarische Feld ergeben sich daraus folgenreiche Konsequenzen, die von Schaffung neuer literarischer Formen wie der „literarischen Mitschrift“ (Kerstin Stüssel), über neue (Selbst-)Organisationsformen, wie dem literarischen Vereinswesen oder Neo-Avantgarde-Formationen, bis hin zu Leistungsprotokollen reichen, die die eigene Produktivität als Schriftsteller:in verwalten sollen. Im Rahmen der LV soll österreichische Literatur aus dem Blickwinkel dieses sich intensivierenden Verhältnisses zwischen Administration und dem sozialen Körper in wissensgeschichtlicher Perspektive untersucht werden, unter anderem anhand von Konzepten wie dem „unternehmerischen Subjekt“ (Ulrich Bröckling), „Bio-Politik“ und „Kontrollgesellschaft“ (Michel Foucault).Vor diesem Hintergrund ist gemeinsam ein kultur-, literatur- und medienwissenschaftlich fundiertes Instrumentarium zu erarbeiten, das es erlaubt, die literarischen Formen und Schreibweisen zu analysieren, in denen Literatur im ‚administrativen‘ Diskurs erscheint und wirksam wird, sei es im Zeichen der Integration oder der Kritik dieser Praktiken. Zu entwickeln ist eine wissensgeschichtliche Sensibilität nicht nur für historische Phänomene in der Anwendung auf Texte des 19. (u.a. Adalbert Stifter) und 20. Jahrhunderts (u.a. Robert Musil, Heimito von Doderer, Wiener Gruppe, Rudolf Brunngraber, Ernst Marboe), sondern auch für aktuelle Phänomene wie den Diskurs der ‚Entbürokratisierung‘.
Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel
Schriftliche Beiträge aller Lehrveranstaltungstypen der SPL 10 können einer automatischen Plagiatsprüfung unterzogen werden; dazu zählen insbesondere Arbeiten der Pro-, Bachelor- und Masterseminarstufe, aber auch Lehrveranstaltungsprüfungen (z.B. Vorlesungsprüfung) und Teilprüfungen (z.B. Zwischentest, 'Hausübungen').
Literatur
vgl. Semesterplan
Prüfungsstoff
Mitarbeit, Thesenpapier, Proseminararbeit
Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab
Prüfungsimmanente Lehrveranstaltungen aus dem Angebot der SPL10 sind grundsätzlich anwesenheitspflichtig.
Studierende, die der ersten Einheit unentschuldigt fern bleiben, verlieren ihren Platz in der Lehrveranstaltung.Maximal zweimaliges Fehlen ist erlaubt. Eine konsequenzlose Abmeldung ist bei wöchentlichen Lehrveranstaltungen bis vor der dritten LV-Einheit möglich, bei 14-tägigen Lehrveranstaltungen und Blöcken bis vor dem zweiten Termin.Umfang der Abschlussarbeiten: Proseminararbeiten 15 Seiten HaupttextDas Hauptgewicht der Beurteilung liegt auf der schriftlichen Proseminararbeit.
Abkürzungen: ÄdL: Ältere deutsche Sprache und Literatur – DaF/Z: Deutsch als Fremd- und Zweitsprache – FD: Fachdidaktik Deutsch – NdL: Neuere deutsche Literatur – SpraWi: Sprachwissenschaft
