Vorlesungs­verzeichnis

Proseminar NdL: Formen des Vergessens in der neueren deutschen Literatur

100111 PS 2025W

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Vortragende:

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Um die Rose zu vergessen, lässt sich der Name der Rose nicht aussprechen: Eine Kunst des Vergessens sei also unmöglich, schließt Umberto Eco, weil Zeichen etwas in die Absenz drängen müssten, wo sie gerade durch ihr Ansprechen der Dinge zu charakterisieren sind. Solch spannungsbehaftete Referenz kann allerdings ein poetisches Movens darstellen. Ein Text, der sich mit dem Vergessen befasst, formuliert einen Konflikt zwischen Angesprochenem und Abwesendem, den er etwa auf verschiedenen seiner Ebenen ausagiert und den er bis ins Paradoxe zuzuspitzen vermag. Den Formen des Sprachgebrauchs, die sich daran abarbeiten, können wir mit philologischen Mitteln nähertreten und damit nicht zuletzt für unsere heutige Zeit aktualisieren, in der die Digitalisierung das Erinnern und nicht mehr das Vergessen zu einem Standard erhoben hat.

Das bisherige Wissen der Studierenden ansprechend, fragt dieses Proseminar danach, was wir unter literarischer Form verstehen können. In gemeinsamen Lektüren werden Zugänge und eigene Fragestellungen zu Texten verschiedener Gattungen und Epochen entwickelt und diese in den Positionen der Sekundärliteratur situiert. Dergestalt werden Konstellationen zwischen Primärtexten, methodischem Zugriff und dem Forschungsstand, die sich für das literaturwissenschaftliche Handwerk als typisch erweisen, durchgespielt. Außerdem wird im Rahmen des Proseminars versucht, dabei zu helfen, diese Themen in die (Form der) Abschlussarbeiten zu übertragen.

Die gewählten Texte konfrontieren uns mit Vergessen in unterschiedlichsten Konfigurationen, Anschauungen und Wertungen. Auf dem Plan stehen – neben theoretischen Überlegungen und grundlegenden Zugängen etwa von psychoanalaytischen Konzeptionen – u.a. Texte von Franz Kafka, Ilse Aichinger oder Maja Haderlap.

 

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Proseminararbeit im Ausmaß von 15 Seiten.

Beteiligung an den Gesprächen sowie an Gruppenarbeiten, Teilnahme an einer Expert:innengruppe, die gemeinsam ein Referat vorbereitet und eine Einheit mitgestaltet.

Wöchentliche schriftliche Reflexionen auf die jeweiligen Einheiten und ihre Texte im Ausmaß von maximal einer halben Seite in freier Form, die als Impuls in Hinblick auf den kollegialen Austausch sowie die Profilierung von Forschungsfragen für die Seminararbeit aufgefasst werden.

Schriftliche Beiträge aller Lehrveranstaltungstypen der SPL 10 können einer automatischen Plagiatsprüfung unterzogen werden; dazu zählen insbesondere Arbeiten der Pro-, Bachelor- und Masterseminarstufe, aber auch Lehrveranstaltungsprüfungen (z.B. Vorlesungsprüfung) und Teilprüfungen (z.B. Zwischentest, 'Hausübungen').

 

Literatur

Primärliteratur:
Aichinger, Ilse: Schlechte Wörter. Frankfurt/Main: Fischer 1991.
Dies.: Kleist, Moose, Fasane. Frankfurt/Main: Fischer 1991.
Böll, Heinrich: Der Wegwerfer. In: Heinrich Böll. Werke. Kölner Ausgabe Bd.10. 1956-1959. Hg. v. Viktor Böll. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2005, S. 350-360/S. 754f.
Celan, Paul: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2005.
Chamisso, Adelbert von: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Stuttgart: Reclam 2020.
Fritz, Marianne: Naturgemäß I. Entweder Angstschweiß Ohnend Oder Pluralhaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1996, S. 186-230.
Haderlap, Maja: Engel des Vergessens. Göttingen: Wallstein 2012.
Kafka, Franz: Die Sorge des Hausvaters. In: Drucke zu Lebzeiten. Hg. v. Wolf Kittler, Hans-Gerd Koch u. Gerhard Neumann. Fischer: Frankfurt/Main 1994, S. 282-284.
Ders: Fragmente zum Jäger Gracchus im Oktavheft D. In: Nachgelassene Schriften und Fragmente I. Hg. v. Malcolm Pasley. Frankfurt/Main: Fischer 1993, S. 378-384.
Kleist, Heinrich von: Prinz Friedrich von Homburg. Studienausgabe. Stuttgart: Reclam 2011.
Mallarmé, Stéphane: Sämtliche Dichtungen. Zweisprachige Ausgabe. Übers. v. Carl Fischer u Rolf Stabel. Mit einem Nachwort v. Johannes Hauck. München: dtv 2016.

Eine Auswahl an Sekundärliteratur, die im Proseminar verwendet wird oder die zu einer weiterführenden Orientierung herangezogen werden kann:

Assmann, Aleida: Formen des Vergessens. Göttingen: Wallstein 2016.
Benjamin, Walter: Franz Kafka. Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages. In: Ders.: Gesammelte Schriften Bd. II.2. Aufsätze, Essays, Vorträge. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1980 (=werkausgabe Bd. 5), S. 409-438.
Ders.: Über den Begriff der Geschichte. In: Gesammelte Schriften Bd. I.2. Hg. v. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1974, 691-704.
Blum, André: Potentiale des Vergessens. Würzburg: Königshausen & Neumann 2012.
Eco, Umberto/Marilyn Migiel: An Ars Oblivionalis? Forget It! In: PMLA Vol. 103/3, 1988, pp. 254-261.
Esposito, Elena: Soziales Vergessen. Formen und Medien des Gedächtnisses der Gesellschaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2002.
Fleury, Cynthia: Hier liegt Bitterkeit begraben. Aus dem Franz. v. Andrea Hemminger. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2023.
Genette, Gérard: Die Erzählung. Paderborn: Wilhelm Fink 2010.
Ders.: Fiktion und Diktion. Aus dem Franz. v. Heinz Jatho. München: Wilhelm Fink 1992.
Haverkamp, Anselm und Renate Lachmann (Hg.): Memoria. Vergessen und Erinnern. München: Wilhelm Fink 1993.
Herrmann, Britta und Barbara Thums (Hg.): "Was wir einsetzen können, ist Nüchternheit". Zum Werk Ilse Aichingers. Würzburg: Königshausen & Neumann 2001, S. 108-123.
Jakobson, Roman: Linguistik und Poetik. Übersetzt von Tarcisius Schelbert. In: Ders.: Poetik. Ausgewählte Aufsätze 1921-1971. Hg. v. Elmar Holenstein u. Tarcisus Schelbert. Frankfurt/Main 1979, S. 83-121.
Liska, Vivian: Ilse Aichinger und Franz Kafka. In: Konstellationen österreichischer Literatur: Ilse Aichinger. Hg. v. Christine Frank u. Sugi Shindo. Wien: Böhlau 2024, S. 76-85.
Martínez, Matías und Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. München: C.H.Beck 2012.
Nietzsche, Friedrich: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben. In: Kritische Studienausgabe Bd. 1. Hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Berlin/New York: de Gruyter 1999, S. 243-334.
Simon, Ralf: Was genau heißt: 'Projektion des Äquivalenzprinzips?'. Roman Jakobsons Lehre vom Ähnlichen. In: Strukturalismus heute. Brüche, Spuren, Kontinuitäten. Hg. v. Martin Endres und Leonhard Herrmann. Stuttgart: Metzler 2018.
Weinrich, Harald: Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens. München: C.H.Beck 2000.
Ders.: "Sans oubli on n'est que perroquet." Erinnern und Vergessen bei Paul Valéry. In: Paul Valéry. Philosophie der Politik, Wissenschaft und Kultur. Hg. v. Jürgen Schmidt-Radefeldt. Tübingen: Stauffenburg 1999, S. 21-30.

Weitere Literatur wird in der ersten Einheit bekannt gegeben.
Kürzere Texte werden online zur Verfügung gestellt.

 

Prüfungsstoff

Stoff des Semesters sowie die in den Einheiten erarbeiteten Inhalte.

 

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Prüfungsimmanente Lehrveranstaltungen aus dem Angebot der SPL10 sind grundsätzlich anwesenheitspflichtig.
Studierende, die der ersten Einheit unentschuldigt fern bleiben, verlieren ihren Platz in der Lehrveranstaltung.
Maximal zweimaliges Fehlen ist erlaubt. Eine konsequenzlose Abmeldung ist bei wöchentlichen Lehrveranstaltungen bis vor der dritten LV-Einheit möglich, bei 14-tägigen Lehrveranstaltungen und Blöcken bis vor dem zweiten Termin.

Umfang der Abschlussarbeiten: Proseminararbeiten 15 Seiten Haupttext

Das Hauptgewicht der Beurteilung liegt auf der schriftlichen Proseminararbeit (60% der Endnote).
Spätestmöglicher Abgabetermin der Proseminararbeiten ist der 28.2.2026.

Regelmäßige Teilnahme (maximal zwei Fehleinheiten) und Mitarbeit, Teilnahme an einer Expert:innengruppe mit Referat (20% der Endnote).

Wöchentliche schriftliche Reflexionen (20% der Endnote).