Vorlesungs­verzeichnis

NdL: Büchners Lenz. Eine Fallgeschichte der Wissenspoetik

100106 PS 2024S

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Nächster Termin

Montag, 24.06.2024 11:30-13:00 Seminarraum 2 Hauptgebäude, Tiefparterre Stiege 9 Hof 3

 

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Was begründet den Rang und die Bedeutung von Büchners »Lenz«, dieses episodisch gehaltenen, 1839 postum erschienenen Texts über die Lebenskrise des Sturm-und-Drang-Dramatikers Jakob Michael Reinhold Lenz? Dass er ein einmaliges Zeitdokument darstellt, ein Zeugnis für die kranke Seele im späten 18. Jahrhundert, wenn nicht in der Neuzeit überhaupt? Oder dass er eine ›Pathographie‹, ein Psychogramm und eine Krankengeschichte liefert, die heute noch ein intensives Mit- und Nacherleben erlaubt?

Wie das Seminar durch eingehende Beschäftigung mit Büchners »Lenz« zeigen soll, verweigert sich der Text einer in erster Linie ›empathischen‹ Lektüre ebenso wie seiner Auflösung in literatur- oder wissensgeschichtliche Kontexte. »Lenz« ist nicht nur eine Fallgeschichte, die über das Partikulare kasuistisch auf das Allgemeine schließen lässt. Er ist vielmehr selbst ein einmaliges Textereignis, mit dem sich bestimmte Leerstellen, Ungewissheiten oder Probleme in einem noch offenen Fragehorizont (sei es der Theologie, sei es der Anthropologie oder Psychologie) konturieren. Nur durch seine ›Literarizität‹, durch seine besondere Darstellungs- und Erzählweise, die wiederum einen eigentümlichen Rekurs auf das zeitgenössische Wissen von der Seele erlaubt, kann dieser Text artikulieren, wofür die Psychiatrie (noch) keine Begriffe und Darstellungsmittel hat. Deswegen soll er als Fallgeschichte der ›Wissenspoetik‹ verstanden werden: als Exemplum dafür, dass für die Verfertigung und Inszenierung eines epistemisch prekären Objekts (wie des ›Wahnsinns‹) besondere sprachliche, rhetorische und ästhetische Mittel vonnöten sind.

Unter diesen Vorzeichen wendet sich das Seminar zunächst den Entstehungsbedingungen, dann einigen Schlüsselpassagen und zuletzt den Nachwirkungen des »Lenz« zu: In einem ersten Schritt soll die Biographie und das Dichtungsprogramm des historischen Lenz Thema sein, der Bericht des Pfarrers Oberlin (Büchners Textvorlage) und schließlich die relevanten psychiatriehistorischen Entwicklungen der Zeit; zweitens und auf Textebene dann das ›Kunstgespräch‹, in dem (mit Lenz als Sprachrohr) die Kernpunkte von Büchners ästhetischem und politischem Programm ausformuliert werden, die Wechselwirkung zwischen Psyche, Landschaft und Wetter sowie das Auftauchen von Affekten und Stimmungen (wie Angst und Langeweile); zu guter Letzt wird es um Lenzens Spuren in Texten des 20. Jahrhunderts gehen, insbesondere bei Robert Walser, Paul Celan und Peter Schneider.

 

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Prüfungsimmanente Lehrveranstaltungen aus dem Angebot der SPL10 sind grundsätzlich anwesenheitspflichtig. Maximal zweimaliges Fehlen ist erlaubt. Eine konsequenzlose Abmeldung ist bei wöchentlichen Lehrveranstaltungen bis vor der dritten LV-Einheit möglich, bei 14-tägigen Lehrveranstaltungen und Blöcken bis vor dem zweiten Termin.

Schriftliche Beiträge aller Lehrveranstaltungstypen der SPL 10 können einer automatischen Plagiatsprüfung unterzogen werden; dazu zählen insbesondere Arbeiten der Pro-, Bachelor- und Masterseminarstufe, aber auch Lehrveranstaltungsprüfungen (z.B. Vorlesungsprüfung) und Teilprüfungen (z.B. Zwischentest, 'Hausübungen'). Zudem kann, um den tatsächlichen Eigenanteil der Arbeit bei der evt. Benutzung von Chatbots zu ermitteln, die schriftliche Arbeit noch durch eine mündliche Prüfung ergänzt werden.

 

Literatur

Yvonne Wübben: Büchners »Lenz«. Geschichte eines Falls, Konstanz 2016.

Weitere Literaturhinweise erfolgen im Seminar. Forschungsliteratur und kürzere Texte werden über Moodle bereitgestellt.

 

Prüfungsstoff

Einzelthemen des Seminars

 

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Erwartet wird – neben der aktiven und regelmäßigen Teilnahme – die Mitwirkung in einer Expertengruppe, die den Stoff einer Sitzung aufbereitet und präsentiert; mindestens eine Respondenz zur Präsentation einer anderen Expertengruppe; nach Semesterende ein Exposé für eine Seminararbeit und (nach dessen einvernehmlicher Besprechung) eine Arbeit im Umfang von 15 Seiten, Abgabe bis 1. August 2024 (der Abgabetermin ist verhandelbar) in elektronischer Form.

Beurteilungskriterien:
- im Seminar: aktive Teilnahme an den Sitzungen; sachlich pointiertes Impulsreferat mit kompetenter Diskussionsleitung; Respondenz zu einer Präsentation der anderen Expertengruppen
- Seminararbeit: originelle Themenwahl und klare Fragestellung; Erschließung des aktuellen Forschungsstands; Orthographie, sprachliche Form, Stil; Berücksichtigung wissenschaftlicher Konventionen; Methodenbewusstsein; theoretischer Hintergrund