Vorlesungs­verzeichnis

NdL: Von Blütenlese, Moralaposteln und Cliffhangern. Literarische Journale um 1800

100106 PS 2022W

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Nächster Termin

Monday, 12.12.2022 13:15-14:45 Seminarraum 1 Hauptgebäude, Tiefparterre Stiege 9 Hof 3

 

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Wer heute den "Geisterseher" von Friedrich Schiller lesen will, kauft ihn, – je nach Budget und Anlass – als allseits bekanntes gelbes Heft, als hübsche Sonderausgabe oder zum Download für‘s Tablet, und liest ihn damit nicht so, wie ihn das Lesepublikum zu Zeiten Schillers kennengelernt hat. Dass es damals kein Reclam und keinen Kindle gab, dass sich Druck und Repräsentationsmöglichkeiten verändert haben, versteht sich von selbst. Dass es aber zum Teil auch nicht wortident die gleichen Texte sind, die sich heute in einer Standard-Druckausgabe finden, vielleicht schon weniger: Viele jener kanonischen Texte des 18. Jahrhunderts, die wir heute wie selbstverständlich in Buchform rezipieren, erschienen zuallererst in einem literarischen Journal, ein Publikationsort, der eines versprach: große Aufmerksamkeit. Zeitschriften waren nicht nur „Leitmedien der Aufklärung“ (E. Fischer/W. Haefs/Y.-G. Mix), die als schnelle und hochfrequente Medien zur Demokratisierung von Wissen und Etablierung einer bürgerlichen Öffentlichkeit (J. Habermas) beitrugen. Sie waren auch beliebte Lektüre, neue Journalnummern ein wichtiges Gesprächsthema einer immer größer und heterogener werdenden Leserschaft (Stichwort Lesesucht). Nicht selten unterscheiden sich die Zeitschriftenfassungen aber von den später veranstalteten Buchpublikationen: Nicht nur wurden manche von den Autor*innen ergänzt, verändert, gekürzt, überarbeitet. Im ursprünglichen Publikationsort traten sie auch – im wahrsten Sinne des Wortes – in anderer Gestalt auf: manchmal ohne Namen des Autors/der Autorin, also anonym, zumeist im Umfeld von Texten anderer Autor*innen, die sich mit Ähnlichem, völlig gleich, oder aber völlig anders beschäftigen, vielleicht in Kombination mit Bildern oder Landkarten, umrahmt von Paratexten (G. Genette, das „Beiwerk des Buches“) wie Inhaltsverzeichnissen, Werbungen, Abonnentenlisten und Titelkupfern, und perspektiviert durch die programmatische Richtline der Herausgeber*innen, auf die manche Beitragende mehr als andere geachtet haben.

Entsprechend der neueren literaturwissenschaftlichen Forschung werden Journale im Rahmen des Proseminars nicht mehr bloß als „ephemeres Sekundärmedium“ (W. Faulstich) betrachtet. Vielmehr gilt es zu hinterfragen, inwieweit die mediale Erscheinungsform eine Bedeutung für Wirkungsweise und Semantik literarischer Texte haben kann. Neben der philologisch genauen Analyse (kanonischer) Texte der Aufklärung und ihrer zentralen poetologischen und ästhetischen Konzepte stehen auch mediengeschichtliche Aspekte im Fokus. Das ermöglicht einen differenzierten Blick auf jene Phase der Mediengeschichte, die den Grundstein für den Literaturbetrieb, wie wir ihn heute kennen, legte.

Gefragt werden soll u.a. auch: Welche (kanonischen) Texte erschienen wie und warum zuerst in Journalen? Warum veröffentlichte man seinen eigenen Text anonym? Wer las eigentlich Zeitschriften, und las überhaupt irgendjemand wirklich Goethe? Wie abonnierte man ein Journal ohne E-Mail? Wer hat Zeitschriften verteilt? Gibt es zeitschriftenspezifische Schreib- und Publikationsformen, präferierte Gattungen? Und was haben Netflix-Cliffhanger damit zu tun?

Besprochen werden u.a. die Journale "Teutscher Merkur", "Thalia", "Die Horen" und neben kanonischem Texten von Immanuel Kant, Christoph Martin Wieland ("Sendeschreiben an einen jungen Dichter"), Friedrich Schiller ("Der Geisterseher") oder Johann Wolfang von Goethe ("Episteln") ebenso aus heutiger Sicht weniger bekannte, im 18. Jahrhundert aber vielgelesene Texte. Dazu gehören auch Journale & Texte von und für Frauen, etwa "Flora, Teutschlands Töchtern geweiht von Freunden und Freundinnen des schönen Geschlechts".

Großer Wert wird auch auf die Einübung wissenschaftlicher Praxis gelegt, etwa im Rahmen einer Übung zum Thesenbilden. Ein Ziel ist also auch Arbeitsschritte, die für das gesamte Studium wichtig sind, an einem konkreten Beispiel einzuüben.

 

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Im Zentrum des Proseminars steht eine aktive Auseinandersetzung mit dem Material (im wahrsten Sinne des Wortes.) Erwartet wird eine gründliche vor- und nachbereitende Lektüre der behandelten (wissenschaftlichen wie literarischen) Texte bzw. Arbeit mit den Journalen. Ebenso Voraussetzung für das Bestehen ist eine Teilnahme an den Seminardiskussionen auch abseits der eigenen Präsentation. Die aktive Beteiligung im Seminar wird ebenso beurteilt wie die Gestaltung einer Sitzung als Expert*in (Details dazu in der LV, es wird versucht, Möglichkeiten jenseits "vorgelesener" Referate zu geben) und die schriftliche PS-Arbeit. Bis zur letzten Einheit sind (kurze) Grobkonzepte zu entwerfen. Diese werden in einem peer-review-Verfahren überarbeitet und gemeinsam diskutiert, um eine bestmögliche Vorbereitung auf die PS-Arbeit zu ermöglichen.

Kriterien: Eigenständigkeit in der Argumentation, angemessene Bezugnahme auf das Material, Stringenz, Einhaltung wissenschaftlicher Standards (Umgang mit Sekundärliteratur, formal angemessene Gestaltung, Sprache).
Prüfungsimmanente Lehrveranstaltungen aus dem Angebot der SPL10 sind grundsätzlich anwesenheitspflichtig.
Schriftliche Beiträge aller Lehrveranstaltungstypen der SPL 10 können einer automatischen Plagiatsprüfung unterzogen werden; dazu zählen insbesondere Arbeiten der Pro-, Bachelor- und Masterseminarstufe, aber auch Lehrveranstaltungsprüfungen (z.B. Vorlesungsprüfung) und Teilprüfungen (z.B. Zwischentest, 'Hausübungen').

Evtl. gibt es eine Exkursion, Details dazu müssen erst mit der ÖBN und den Studierenden geklärt werden.

 

Literatur

Obligatorische Primärliteratur (s. Abschnitte Inhalte) wird in der ersten Sitzung besprochen bzw. zum Teil mit Ihnen gemeinsam für die jeweiligen Sitzungen gewählt. Die Texte werden in der Journalfassung gelesen. Diese sind als Digitalisate verfügbar.

Grundlagen:
Ernst Fischer, Wilhelm Haefs & York-Gothard Mix (Hg.): Von Almanach bis Zeitung. Ein Handbuch der Medien in Deutschland, 1700-1800, München 1999.
Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt a.M. 1990.
Joachim Kirchner: Die Grundlagen des deutschen Zeitschriftenwesens. Mit einer Gesamtbibliographie der Deutschen Zeitschriften bis zum Jahre 1790. Zwei Teile. Leipzig 1928.
Ernst Osterkamp: Neue Zeiten - neue Zeitschriften. Publizistische Projekte um 1800. In: Zeitschrift für Ideengeschichte (2007), 1/2, S. 62–78.
Ulrike Weckel: Zwischen Häuslichkeit und Öffentlichkeit. Die ersten deutschen Frauenzeitschriften im späten 18. Jahrhundert und ihr Publikum. Berlin/New York 2012 (= Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, Bd. 61).
Jürgen Wilke: Literarische Zeitschriften des 18.Jahrhunderts (1688-1789). 2 Bände. Stuttgart 1978.

Datenbanken für historische Digitalisate u.a.:
• Gelehrte Journale und Zeitungen als Netzwerke des Wissens im Zeitalter der Aufklärung (Göttingen): https://adw-goe.de/forschung/forschungsprojekte-akademienprogramm/gjz18/
Universität Bielefeld: http://ds.ub.uni-bielefeld.de/viewer/
• MDZ-Reader der Bayrischen Staats-Bibliothek: https://www.digitale-sammlungen.de/de/
• Anno der ÖNB: https://anno.onb.ac.at/

 

Prüfungsstoff

Prüfungsimmanente LV.

 

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Zu erbringende Teilleistungen:
1. Anwesenheit (max. 3 Fehleinheiten).
2. aktive Teilnahme an der Lehrveranstaltung: genaue vor- und nachbereitende Lektüre der Pflichtliteratur, Beteiligung an den Diskussionen (20 Prozent).
3. Gestaltung einer Seminarsitzung, je nach Auslastung auch in Expert*innengruppen - auf die Möglichkeit der getrennten Erarbeitung und Beurteilung wird dabei, wenn gewünscht, geachtet (20 Prozent).
4. PS-Arbeit mit 15 Seiten Haupttext (60 Prozent).