Vorlesungs­verzeichnis

NdL: Nestroy, oder: Denken am Leitseil der Sprache

100102 PS 2024S

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Vortragende:

Nächster Termin

Freitag, 28.06.2024 11:30-13:00 Seminarraum 2 Hauptgebäude, Tiefparterre Stiege 9 Hof 3

 

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Am 5. August 2023 twitterte Friedrich Merz, Chef der deutschen konservativen Partei CDU/CSU: „Die Union steht ohne Wenn und Aber zum Sozialstaat. Aber der lässt sich nicht aufrechterhalten, wenn immer mehr Leistungen versprochen werden, ohne eine Gegenleistung zu verlangen von denen, die arbeiten können."
180 Jahre zuvor ließ Johann Nestroy (1801-1862) in seinem Stück Der Zerrissene seinen Bauer Krautkopf zürnen: „An keine Ordnung g’wöhnt sich das Volk. Kraut und Ruben werfeten s’ untereinand, als wie Kraut und Ruben.“

Diese Stelle kommentiert Karl Kraus in seinem folgenreichen Essay Nestroy und die Nachwelt: „Hier lacht sich die Sprache selbst aus. Die Phrase wird bis in die heuchlerische Konvention zurückgetrieben, die sie erschaffen hat.“ Sowohl Merz als auch Krautkopf stolpern über ihre Phrasen und enthüllen dadurch die Kalamität ihrer Sprache. Doch was Merz unfreiwillig passiert, wird bei Nestroy literarisch inszeniert. Dies ist nach Kraus das Charakteristikum des Nestroyschen Werks: „Nestroy ist der erste deutsche Satiriker, in dem sich die Sprache Gedanken macht über die Dinge. Er erlöst die Sprache vom Starrkrampf und sie wirft ihm für jede Redensart einen Gedanken ab.“

Nestroy kann heute als der bedeutendste deutschsprachige Komödiendichter des 19. Jahrhunderts angesehen werden. Es war vor allem Kraus‘ Intervention, die an der Nestroyschen Komödiensprache nicht nur eine besondere Kunstfertigkeit, sondern auch ein gesellschaftskritisches Ferment hervorkehrte, welche dem Autor im 20. Jahrhundert eingehenderes Interesse zuteilwerden und ihn sogar zu einer Art Gründungshelden literarischer Avantgarden in Österreich aufsteigen ließ. So beschreibt Elfriede Jelinek Nestroys Technik mit den Worten:
„Nestroy ist ein verspielter Autor, glaube ich, er spielt sich (ja: sich!) mit der Sprache, in die er sich einmal hineinbringt und dann wieder herausnimmt. Er zwängt sich hinein, schmeißt ein bissel mit den Worten und Sätzen herum, dann läßt er sie wieder fallen, und dann sagen sie ohne Umschweife: was los ist. Was sich irgendwo losgerissen hat.“

Nestroys Sprachkunst, -reflexion und -kritik sowie deren verschiedene Formen sollen im Zentrum des Interesses dieses Proseminars stehen. Ausgewählte Stücke, die zunächst im sozial-, kultur- und werkgeschichtlichen Zusammenhang kontextualisiert werden, sollen mittels Close Reading auf ihre sprachlichen Verfahren und deren dramatische Gestaltung hin analysiert werden. Im Dialog mit bisherigen Ergebnissen der Nestroy-Forschung diesbezüglich sollen gemeinsam Fragestellungen und methodische Zugänge für die Proseminar-Arbeiten entwickelt werden.

Besonderer Wert wird dabei auf die Festigung wissenschaftlicher Praxis gelegt: Dies betrifft etwa Techniken des Umgangs mit Historisch-Kritischen Ausgaben anhand der 2010 finalisierten „Sämtlichen Werke“, der Recherche und Aneignung von Sekundärliteratur, der Ausarbeitung methodenbewusster philologischer Fragestellungen sowie nicht zuletzt der Konzeption und des Verfassens einer schriftlichen Abschlussarbeit.

Angedacht ist außerdem ein freiwilliger und nicht beurteilungsrelevanter gemeinsamer Besuch der Nestroy-Spiele in Schwechat, wo dieses Jahr Das Mädl aus der Vorstadt gegeben wird.

 

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Schriftliche Beiträge aller Lehrveranstaltungstypen der SPL 10 können einer automatischen Plagiatsprüfung unterzogen werden; dazu zählen insbesondere Arbeiten der Pro-, Bachelor- und Masterseminarstufe, aber auch Lehrveranstaltungsprüfungen (z.B. Vorlesungsprüfung) und Teilprüfungen (z.B. Zwischentest, 'Hausübungen').

 

Literatur

Primärliteratur:
Zu besorgen:
Johann Nestroy: Reserve und andere Notizen, 2. Verbesserte Auflage, Wien: Lehner 2003 (Quodlibet 2)
Wird aus der HKA zur Verfügung gestellt:
• Das Mädl aus der Vorstadt
• Der böse Geist Lumpazivagabundus
• Zu ebener Erde und erster Stock
• Einen Jux will er sich machen
• Der Talisman
• Der Zerrissene
Wird zur Verfügung gestellt:
• Karl Kraus: Nestroy und die Nachwelt. Zum 50. Todestag, in: Ders.: Heine und die Folgen. Schriften zur Literatur, Göttingen: Wallstein Verlag 2014, S.151-174

Sekundärliteratur:
Zu besorgen:
• W.E. Yates: „Bin Dichter nur der Posse“: Johann Nepomuk Nestroy. Versuch einer Biographie, Wien: Lehner 2012 (Quodlibet 11)
• Schmidt-Dengler: Nestroy. Die Launen des Glückes, Wien: Zsolnay 2001
Wird zur Verfügung gestellt:
• Siegfried Brill: Die Komödie der Sprache. Untersuchungen zum Werke Johann Nestroys, Nürnberg: Verlag Hans Carl 1967
• Maria Piok: Sprachsatire in Nestroys Vaudeville-Bearbeitungen, Innsbruck : innsbruck university press 2017

Weitere Texte aus der Forschung werden zur Verfügung gestellt.

 

Prüfungsstoff

Beurteilungskriterien:
Mitarbeit: 20%
Mitgestaltung der Einheiten: 20%
Abschlussarbeit inkl. Exposé: 60%

 

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Erwartet wird die aktive Beteiligung an den Diskussionen im Proseminar sowie die vorbereitende gründliche und gewissenhafte Lektüre für die jeweilige Einheit. Dazu kommt die Mitgestaltung von LV-Sitzungen (das genaue Format hängt von der Teilnehmer*innenzahl ab), sowie das Verfassen eines schriftlichen Exposés für die Abschlussarbeit.

Umfang der Abschlussarbeiten: Proseminararbeiten 15 Seiten Haupttext

Prüfungsimmanente Lehrveranstaltungen aus dem Angebot der SPL10 sind grundsätzlich anwesenheitspflichtig. Maximal zweimaliges Fehlen ist erlaubt. Eine konsequenzlose Abmeldung ist bei wöchentlichen Lehrveranstaltungen bis vor der dritten LV-Einheit möglich, bei 14-tägigen Lehrveranstaltungen und Blöcken bis vor dem zweiten Termin.