Vorlesungs­verzeichnis

Neuere/Ältere deutsche Literatur: erzählen über denken? Erzähltheorie und ihre literarische Genese

100084 PS 2010S

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Vortragende:

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Das Seminarkonzept verfolgt einen doppelten Ansatz. Im Sinne einer Einführung sollen grundlegende Begriffe und Paradigmen der Erzähltheorie vorgestellt und an literarischen Texten, auf die sich das Seminar beschränkt, eingeübt werden. Die Narratologie hat bekanntlich immer schon den Anspruch vertreten, Konzepte mit einem hohen Grad an Allgemeingültigkeit zu entwickeln. Diesen Umstand wollen wir zunächst als Vorteil in den Blick nehmen: Inwiefern helfen uns Kategorien wie etwa "Zeit", "Modus" oder "Stimme" dabei, Texte in ihrer Struktur genau zu beschreiben, ihre Elemente zu erkennen? Warum wird überhaupt erzählt und in welchem Verhältnis steht der "Erzähler" zu seiner "Geschichte" und zu der "fiktionalen Welt", die er für den Leser entwerfen will?

Der zweite Ansatz versteht sich historisch und geht von der Beobachtung aus, dass das methodische Nachdenken über das Erzählen vor allem ein Phänomen des 20. Jahrhunderts ist. Wie alle wissenschaftlichen Theorien hat auch die Narratologie ihren historischen Ort, den wir beleuchten wollen. Ihre Kategorien sind im Dialog mit literarischen Texten, und hier vor allem mit den großen Romanen des 20. Jahrhunderts entstanden. Die frühe Narratologie fällt wissenschaftsgeschichtlich in den Zusammenhang des so genannten "linguistic turn" und versteht literarische Erzähltexte, in Analogie zur Sprachwissenschaft, als rückführbar auf die "Struktur" der Sprache. Eine Erzählung soll damit in derselben Weise funktionieren wie ein grammatischer Satz. So erklärt sich die oben erwähnte Allgemeingültigkeit: Die Erzähltheorie erhebt den Anspruch, genauso universell zu sein wie eine Grammatik. Aber gerade diesen Anspruch wollen wir mit der Berücksichtigung auch des kulturellen Umfelds der Texte problematisieren.

Der doppelte Ansatz des Seminars hat also zum Ziel, die theoretischen Leistungen der Narratologie genauso sichtbar zu machen wie ihre Beschränkungen. Auf drei Schwerpunkte mit Autoren und Textbeispielen wollen wir uns in umgekehrt chronologischer Reihenfolge konzentrieren: Um 1900 (Robert Musil) - um 1800 (Heinrich von Kleist) - um 1250 (Heinrich von Veldeke, Hartmann von Aue). Aus einem der Schwerpunkte soll als Ergebnis eine schriftliche Hausarbeit hervorgehen.

Bachelorstudierende, die sich die LV für die Ältere Dt. Literatur anerkennen lassen wollen, melden sich bitte nach Eintragung der Note bei Herrn Scharf (markus.scharf@univie.ac.at).
Das betrifft auch Bachelorstudierende, die die LV für die Neuere Dt. Literatur im Wahlmodul 5.1 anerkannt haben möchten.

 

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Konsequente vorbereitende Lektüre, Anwesenheit und Diskussion, Textanalysen, schriftl. Hausarbeit

 

Literatur

Matias Martinez, Michael Scheffel, Einführung in die Erzähltheorie, München 1999ff. [alle Aufl.]; Wolf Schmid, Elemente der Narratologie, Berlin, New York 2008.

Robert Musil, Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, Reinbek b. Hamburg 1997 [alle Aufl.]; Heinrich von Kleist, Erzählungen [Auswahl, in Kopie]; Heinrich von Veldeke, Sente Servas, Eneasroman [Auswahl, in Kopie]; Hartmann von Aue, Erec [Auswahl, in Kopie].

Ergänzende Forschungsliteratur zu den Schwerpunkten [in Kopie].

 

Prüfungsstoff

Lektüre theoretischer Texte, Close Reading