Vorlesungs­verzeichnis

NdL: Erzählen und Barbarei. Physiognomien der Moderne

100076 PS 2024S

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Nächster Termin

Mittwoch, 26.06.2024 13:15-14:45 Seminarraum I Germanistik Hauptgebäude, 1.Zwischengeschoß, Stiege 7a über Stiege 9

 

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Der griechische Lyriker Konstantinos Kavafis schrieb 1898 das Gedicht „Warten auf die Barbaren“, das die titelgebende Untätigkeit ironischerweise höchst feierlich darstellt. Politische Würdenträger stehen früh auf, schmücken sich mit allen Insignien der Macht und harren auf die Barbaren, auf dass diese fortan die Gesetze machen. Mit der einkehrenden Nacht entsteht jedoch plötzlich Unruhe und Verwirrung, alle gehen nachdenklich nach Hause. Weil die Barbaren doch nicht gekommen sind. Grenzgänger berichten sogar, es gebe sie nicht mehr. Die Tragödie in Kavafis‘ Szenario ist also gerade nicht das, was „wir“ mit Barbaren zu assoziieren gelernt haben (wie Gemetzel, Roheit, sexuelle Gewalt, Ikonoklasmus), sondern das Ausbleiben jener Menschen, die „immerhin eine Lösung“ waren.

Das Gedicht führt ins Herz jener Sprach- und Denkfigur hinein, die uns im Seminar beschäftigen wird. Unser Thema ist das Barbarische und damit eine der wichtigsten Erfindungen westlich-abendländischer Identitätsbildung (Winkler 2018), die angesichts der mannigfachen Krisen und Konflikte der Gegenwart aktueller nicht sein könnte (Rufin 1996, Stengers 2015). Dabei ist Barbarei durch und durch poetisch: Onomatopoetisch ist schon das griechische Adjektiv „bárbaros“, das sich zunächst einmal auf unverständlich (d.h. in fremden Sprachen) sprechende Nicht-Griechen bezieht. Mythopoetisch funktioniert wiederum die ethnozentrische Modellierung barbarischer Figuren von den ältesten griechischen Tragödien wie Aischylos‘ „Perser“ und Euripides‘ „Medea“ an bis zu Goethes „Iphigenie“ und Kleists „Penthesilea“.

Während die historiographische oder auch philosophische Konzeptualisierung des Barbarischen diese Ebenen meist unterschlägt, führen Kunst und Literatur dessen vielschichtige Semantik und ambivalente Dynamik plastisch vor Augen und tragen damit sowohl zum Wissen um Barbarei als auch zum Streben danach bei. Ob bei Friedrich Nietzsche oder Walter Benjamin, Ernst Jünger oder Gottfried Benn, moderne Barbaren (und zwar betontermaßen männliche) verheißen nicht nur einen radikalen Neubeginn, sondern im selben Zug auch gänzlich neue Menschen – prometheische Eroberer, konstruktive Ingenieursgeister, entindividualisierte Arbeiter. Die mitunter ins Faschistisch-Totalitäre kippenden Reinigungsphantasien und die mit diesen korrelierenden Physiognomien werfen notwendig die Frage auf, welche Geschichten mit barbarischen Figuren im 20. und 21. Jahrhundert erzählt werden und welches Verständnis des Humanen sie implizieren. Mithilfe der Literatur von Autorinnen (wie Ilse Aichinger und Christa Wolf), Science-Fiction-Filmen (wie „Barbarella“ und „Zardoz“) und Theorien feministischen Spekulierens (von Ursula K. Le Guin bis Donna Haraway) werden wir deshalb auch nach den Möglichkeiten, Formen und Verfahren fragen, wie sich barbarische Geschichte(n) feministisch wiederlesen und wiedererzählen lassen.

 

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Es handelt sich um eine theorie- und lektüreintensive Veranstaltung. Neben der regelmäßigen Anwesenheit wird eine aktive Beteiligung am Seminargespräch erwartet.

1. Statements
Als primäre Diskussionsgrundlage dienen vorab verfasste Statements zu mindestens 6 thematischen Einheiten im Umfang von max. einer A4 Seite, im Vorfeld der jeweiligen Sitzung hochgeladen werden sollen.

2. Expertise
Die Kontextualisierung der besprochenen Texte wird durch Expert*innen sichergestellt, die sich über Kernkonzepte sowie über theoretische und biographische Hintergründe informieren und kurze mündliche Inputs (ohne Handouts oder Folien) zum Seminargespräch beisteuern.

3. Verfassen einer Hausarbeit im Umfang von 15 Seiten (Haupttext). Frist der Einreichung: 30.09.2024

Schriftliche Beiträge aller Lehrveranstaltungstypen der SPL 10 können einer automatischen Plagiatsprüfung unterzogen werden; dazu zählen insbesondere Arbeiten der Pro-, Bachelor- und Masterseminarstufe, aber auch Lehrveranstaltungsprüfungen (z.B. Vorlesungsprüfung) und Teilprüfungen (z.B. Zwischentest, 'Hausübungen').

 

Literatur

Die Pflichtlektüre für den Kurs wird in der einführenden Sitzung bekannt gegeben.

Zur Vorbereitung und zur begleitenden Lektüre empfohlene Literatur (vorläufige Auswahl):
Konstantinos Kavafis: Warten auf die Barbaren, in: Literaturen. Das Journal für Bücher und Themen 3/4 (2001), Schwerpunkt „Warten auf die Barbaren“, S. 70.
Reinhart Koselleck: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a.M.: 1995 (1979).
Ursula K. Le Guin: Die Tragetaschentheorie der Fiktion, in: Marie-Luise Angerer/Naomie Gramlich (Hg.): Feministisches Spekulieren. Genealogien, Narrationen, Zeitlichkeiten. Berlin: Kulturverlag Kadmos 2020, 33-39.
Jean-Christophe Rufin: Die neuen Barbaren. Der Nord-Süd-Konflikt nach dem Ende des Kalten Krieges. Ungekürzte Ausgabe, Berlin: Volk und Welt 1996 (Frz. Orig. L‘empire et les nouveaux Barbares, Paris: Editions La Découverte 1991).
Isabelle Stengers: In Catastrophic Times. Resisting the Coming Barbarism, Lüneburg: meson press 2015 (Frz. Orig. Au temps des catastrophes. Résister à la barbarie qui vient, Paris: Editions Jean-Claude Lattès 2009).
Manfred Schneider: Der Barbar. Endzeitstimmung und Kulturrecycling, München/Wien: Carl Hanser 1997.
Markus Winkler: Theoretical and Methodological Introduction, In: Markus Winkler/Maria Boletsi/Jens Herlth u.a.: Barbarian: Explorations of a Western Concept in Theory, Literature and the Arts from the Eighteenth Century to the Present. Vol. I: From the Enlightenment to the Turn of the Twentieth Century. Stuttgart: J.B. Metzler 2018, 1-44.
Markus Winkler/Maria Boletsi et al.: Barbarian: Explorations of a Western Concept in Theory, Literature, and the Arts. Vol. II: Twentieth and Twenty-First Centuries. Berlin: J.B. Metzler 2023.

 

Prüfungsstoff

Semesterstoff

 

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Um das Seminar zu absolvieren, muss jede einzelne Teilleistung (regelmäßige Teilnahme, aktive Mitarbeit, schriftliche Statements, Hausarbeit) erbracht werden. Für die Benotung ist aber die Hausarbeit maßgeblich.

Umfang der Abschlussarbeiten: Proseminararbeiten 15 Seiten Haupttext

Prüfungsimmanente Lehrveranstaltungen aus dem Angebot der SPL10 sind grundsätzlich anwesenheitspflichtig. Maximal zweimaliges Fehlen ist erlaubt. Eine konsequenzlose Abmeldung ist bei wöchentlichen Lehrveranstaltungen bis vor der dritten LV-Einheit möglich, bei 14-tägigen Lehrveranstaltungen und Blöcken bis vor dem zweiten Termin.