Vorlesung NdL: Gegenwartsliteratur
Über Zeichen Kritische Lektüren zur Semiotik der Literatur. Ernst-Jandl-Dozentur für Poetik: Franz Josef Czernin
100018 VO 2026S
Vortragende:
Nächster Termin
Montag, 27.04.2026 18:30-20:00 Hörsaal 32 Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 9
MO 15.6., 19.00-21.00
Franz Josef Czernin
Poetische Zeichen, auch in Dante Alighieris Commedia
1. Poetik-Vorlesung
Ort: Hörsaal 32, Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 9
Franz Josef Czernin
Poetische Zeichen, auch in Dante Alighieris Commedia
2. Poetik-Vorlesung
Ort: Alte Schmiede, Schönlaterngasse 9, 1010 WienZusätzlich: DO, 18.6, 17.00-19.00 Uhr: Vorbereitung Konversatorium
Ort: Alte Schmiede, Schönlaterngasse 9, 1010 WienZusätzlich: DO, 18.6, 17.00-19.00 Uhr: Konversatorium zu den Vorlesungen
Ort: Alte Schmiede, Schönlaterngasse 9, 1010 Wien
Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung
Ausgehend von Franz Josef Czernins Vorlesungen mit dem Titel „Poetische Zeichen“ gehe ich in meiner Semestervorlesung einem grundlegenden Konzept der Literatur- und Sprachwissenschaft nach: einer Befragung von Phänomen und Logik der Zeichen aus unterschiedlichen Perspektiven. In einer kritischen Lektüre von zentralen Texten aus sprach- und literaturwissenschaftlicher Semiotik sollen zum einen Konzeptionen, Ähnlichkeiten und Unterschiede einiger Zeichentheorien vorgestellt und in ihrer Erklärungskraft abgewogen werden. Es bietet sich an, mit der umfassenden triadischen Zeichentheorie von Charles Sanders Peirce zu beginnen (und auch die Unterschiede zur Kant’schen Auffassung zu diskutieren). Weitere Ansatzpunkte sind Morris’ behavioristische Semiotik und die Bühler’sche Sprachtheorie. Diese Theoriedebatten sollen anhand von kurzen ausgewählten Originaltexten der Genannten wie auch mit Hilfe der überblicksartigen Gesamtdarstellungen zur Semiotik (etwa Bouissac, Posner, Sebeok, Trabant, Lange-Seidl) versucht werden.
Weiters möchte ich das auch für die Czernin’sche Poetik zentrale Moment der nicht-propositionalen Erkenntnis durch „ästhetische Zeichen“ (Gottfried Gabriel, Christiane Schildknecht) kritisch diskutieren. Zudem wird die nominalistische Symboltheorie Nelson Goodmans und vor allem sein Konzept der „Exemplifikation“ eine besondere Rolle spielen, denn dieses Konzept liegt manchen der poetologischen Aufsätze Czernins zugrunde.
So Zeit ist, möchte ich auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Zeichen im geisteswissenschaftlichen Sinn und dem, was ein Zeichen für die Informatik ist, stellen. Und damit wohl auch auf die jüngst so prominente Debatte um LLMs und automatengenerierte Texte eingehen, Newell und Simons „Physical Symbol Systems Hypothesis (PSSH)“ und Harnads „Symbol Grounding Problem“ seien hier als kritisch zu befragende Ansätze genannt. Somit wird auch die Computer-Metapher als Erklärung für menschliches Denken kritisch auf dem Spiel stehen.
Neben der über den gesamten Verlauf der Vorlesung entfalteten Theoriedebatte sollen einzelne Canti aus Czernins "Verwandlungen der Commedia" und auch anderer ihrer Übersetzungen ins Deutsche (Stefan George, Rudolf Borchardt, Kurt Flasch etc.) mithilfe der vorgeschlagenen „poetischen Semiotik“ Czernins diskutiert werden. Vor allem die Frage danach, was es heißt, ein vor 700 Jahren entstandenes episches Gedicht heute zu verwandeln, wird entfaltet. Es sollen auch Gedichte von Hölderlin, Celan und Priessnitz und ihre Beziehung zu Czernin‘schen Dichtung und seiner Poetik beleuchtet werden, unter anderem mit Blick auf die Verwendung von komplexer Syntax in diesen Gedichten. Dass auch komplexe, hypotaktische Syntax in Dichtung verwendet werden kann, soll konstatiert und gedeutet werden, auch mit Blick auf Czernins Gestaltung diese Phänomens in seinem Band "zugenenglisch".
Methode: In der Vorlesung werden die kritische Darstellung von ausgewählten Theorien zur Semiotik und die Anwendung auf ausgewählte literarische Texte im Vorlesungsstil, mit der Einladung zu interaktiver Beteiligung der Studierenden jeweils am Ende einer Vorlesungseinheit, erfolgen.
Als zu besprechendes Textcorpus werden neben manchen in den jeweiligen Theorietexten verhandelten Werken vor allem die Commedia Dantes in verschiedenen deutschsprachigen Übersetzungen und Franz Josef Czernins Commedia. Verwandlungen nach Dante herangezogen werden.
Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel
Mündliche Prüfungen. (1. Termin in der letzten Vorlesungseinheit am 29.6.2026, weitere Termine im gemäß der Satzung der Universität Wien vorgeschriebenen Zeitraum)
Schriftliche Beiträge aller Lehrveranstaltungstypen der SPL 10 können einer automatischen Plagiatsprüfung unterzogen werden; dazu zählen insbesondere Arbeiten der Pro-, Bachelor- und Masterseminarstufe, aber auch Lehrveranstaltungsprüfungen (z.B. Vorlesungsprüfung) und Teilprüfungen (z.B. Zwischentest, 'Hausübungen').
Literatur
Literarische Texte:
Paul Celan: Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe. Herausgegeben von Barbara Wiedemann. Brlin: Surkamp 2018. (Auswahl)
Franz Josef Czernin: Commedia. Verwandlungen nach Dante. Rettenegg: Gesellschaft zur Erforschung von Grundlagen der Literatur 2024.
Franz Josef Czernin: zungenenglisch. visionen, varianten. München: Edition Lyrik Kabinett bei Hanser 2014.
Franz Josef Czernin: Ein anderes Licht? Metaphern und Literatur. Berlin: Matthes & Seitz 2025
Franz Josef Czernin, Marco Baschera, Judith Kasper: „Franz Josef Czernin im Gespräch mit Marco Baschera und Judith Kasper über seine Commedia. Verwandlungen nach Dante“, in: Deutsches Dante-Jahrbuch, 100/1, S. 177-198.
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke Band 4 und Band 5, Oden I+II. Hg. v. D.E. Sattler. Frakfurt/Main: Stroemfeld/ Roter Stern 1984. (Auswahl)
Reinhard Priessnitz: vierundvierzig gedichte. Linz: edition neue texte 1978. (Auswahl)
Bouissac, Paul (Hg.): Encyclopedia of Semiotics. Oxford University Press, New York 1998.
Bühler, Karl: Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. G. Fischer, Jena 1934.
Cassirer, Ernst: Philosophie der symbolischen Formen 3 Bde. 1. Auflage: Bruno Cassirer, Berlin, 1923–1929.
Gabriel, Gottfried: „Erkenntnis durch Kunst?“, in: Annemarie Lange-Seidl (Hg.): Zeichenkonstitution. Akten des 2. Semiotischen Kolloquiums Regensburg 1978. Walter de Gruyter, Berlin, New York 1981, Bd. 1, S. 203-210.
Goodman, Nelson: Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995.
Harnad, Stevan: The Symbol Grounding Problem, in: Physica D 42 (1990), S. 335–346.
Lange-Seidl, Annemarie (Hg.): Zeichenkonstitution. Akten des 2. Semiotischen Kolloquiums Regensburg 1978. Walter de Gruyter, Berlin, New York 1981.
Morris, Charles W.: Grundlagen der Zeichentheorie. Grundlagen der Zeichentheorie, Ästhetik der Zeichentheorie. Fischer, Frankfurt am Main 1988.
Nöth, Winfried: Handbuch der Semiotik. 2., revidierte und erweiterter Auflage. Stuttgart / Weimar 2000 (dt. Übers. von Handbook of semiotics, Bloomington 1990).
Ort, Nina: Reflexionslogische Semiotik. Zu einer nicht-klassischen und reflexionslogisch erweiterten Semiotik im Ausgang von Gotthard Günther und Charles S. Peirce. Velbrück Wissenschaft, 2007.
Newell, Allen and Simon, Herbert A.: “Computer Science as Empirical Inquiry. Symbols and Search”, in: Communications of the ACM 19(3) (1976), S.113–126.
Peirce, Charles Sanders: Phänomen und Logik der Zeichen. Hg. v. Helmut Pape. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983.
Posner, Roland, Klaus Robering und Thomas A. Sebeok (Hg.): Semiotik / Semiotics: Ein Handbuch zu den zeichentheoretischen Grundlagen von Natur und Kultur. 3 Bände. De Gruyter, Berlin u. a. 1997–2003.
Schildknecht, Christiane: „Zwischen Proposition und Erlebnis. Zum Erkenntnisbegriff der Lyrik aus philosophischer Sicht“, in: Internationale Zeitschrift für Kulturkomparatistik 1 (2019), S. 33–45.
Sebeok, Thomas A.: Theorie und Geschichte der Semiotik, Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1979 (Übers. von Contribution to the doctrine of signs, Bloomington 1976).
Stockinger, Peter: Semiotik. Beitrag zu einer Theorie der Bedeutung. Akademischer Verlag H.-D. Heinz, Stuttgart 1983.
Trabant, Jürgen: Elemente der Semiotik. Tübingen/Basel 1996.
Prüfungsstoff
Lektüre der angegebenen Primärliteratur, Theoriedebatte ausgewählter Werke der Literaturliste, so weit sie in der Vorlesung besprochen wurden.
Franz Josef Czernin wird zwei Poetikvorlesungen halten (siehe Anmerkungen zum Termin).
Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab
In der mündlichen Prüfung soll das Verständnis der theoretischen Konzepte, die während der Vorlesungen besprochen wurden, ebenso nachgewiesen werden wie die Anwendung auf die besprochenen Textbeispiele aus dem Werk Franz Josef Czernins und anderer Autor:innen.
Abkürzungen: ÄdL: Ältere deutsche Sprache und Literatur – DaF/Z: Deutsch als Fremd- und Zweitsprache – FD: Fachdidaktik Deutsch – NdL: Neuere deutsche Literatur – SpraWi: Sprachwissenschaft
