Vorlesungs­verzeichnis

Vorlesung NdL: Gegenwartsliteratur

Geschichte in der Gegenwartsliteratur

100017 VO 2026S

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Vortragende:

Nächster Termin

Donnerstag, 23.04.2026 11:30-13:00 Hörsaal 7 Hauptgebäude, Hochparterre, Stiege 7

 

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Erinnerung und Gedächtnis bilden die Voraussetzung für jede Form des Erzählens. Vergangenheit konstituiert sich dabei in der Perspektive und Wahrnehmung der Gegenwärtigen. Mögen auch Zeit und Ort des vergangenen Geschehens fixiert werden können, die Bedeutung und die Zusammenhänge des Geschehenen hängen von denen ab, die sich an es erinnern, die es bezeugen und dokumentieren. Geschichte ist daher immer eine nachträgliche Konstruktion, und diese Konstruktionen spiegeln die Interessen derer, die sie erzählend vornehmen. Gegenüber der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung hat die Literatur, in Sonderheit der historische Roman, den Vorzug, die Subjektivität historischer Rekonstruktion bewusst zu machen und zugleich verschiedene Möglichkeiten der Geschichtsbetrachtung vorzuführen. Spätestens seit dem Einsatz der Moderne stellt die Literatur Versionen des Vergangenen nebeneinander, die kein einheitliches Bild mehr ergeben, deren Widersprüche nicht mehr aufgelöst werden. Literarisch gespiegelte Geschichte verläuft nicht mehr kontinuierlich, in keinem kausalen Nacheinander. Die Brüche werden nicht verdeckt; es öffnen sich Leerstellen, Bereiche des Unerklärten und Unverfügbaren. Wenn sich bei genauer Betrachtung die Geschichte in ein undurchdringliches Geflecht von Phänomenen ramifiziert und damit Kausalität und Finalität ihres Verlaufs verloren gehen, so öffnet sich damit auch der Blick auf nicht begangene historische Wege und unverwirklichte Alternativen.
Die Vorlesung wird ein Spektrum von gegenwartsliterarischen narrativen Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit vorführen. Deutschsprachige Romane und Erzählungen aus Österreich, der Bundesrepublik Deutschland, der Schweiz und der DDR setzen sich mit einem Themenrepertoire auseinander, das u.a. die Zeit des Nationalsozialismus und deren anhaltende Nachwirkung, das Aufflammen neuer Kriege und die daraus resultierenden traumatischen Erfahrungen, die Geschichte des Kommunismus und des Kolonialismus, das Zusammenleben und die Konflikte zwischen verschiedenen Sprachgruppen und Ethnien umfasst. Für die Textanalyse werden narratologische Methoden eingesetzt und interpretatorische Zugänge aus dem Feld der Psychoanalyse und der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung diskutiert. In gattungspoetologischer Sicht wird die Vorlesung Differenzen und Verflechtungen zwischen dokumentarischem Roman, historischem Roman, Generationenroman und (Auto-)Biographie erläutern.

 

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Schriftliche Prüfung über den Vorlesungsstoff vor Ort. Keine Hilfsmittel sind erlaubt.

Schriftliche Beiträge aller Lehrveranstaltungstypen der SPL 10 können einer automatischen Plagiatsprüfung unterzogen werden; dazu zählen insbesondere Arbeiten der Pro-, Bachelor- und Masterseminarstufe, aber auch Lehrveranstaltungsprüfungen (z.B. Vorlesungsprüfung) und Teilprüfungen (z.B. Zwischentest, 'Hausübungen').

 

Literatur

Elena Agazzi: Familienromane, Familiengeschichten und Generationenkonflikte. Überlegungen zu einem eindrucksvollen Phänomen. In: Fabrizio Cambi (Hg.): Gedächtnis und Identität. Die deutsche Literatur nach der Vereinigung. Würzburg 2008, S. 187–203.
Aleida Assmann: Erlebte, erinnerte und erzählte Geschichte. In: Axel Rüth und Michael Schwarze (Hg.): Erfahrung und Referenz. Erzählte Geschichte im 20. Jahrhundert. Paderborn 2016, S. 43–58.
Aleida Assmann, Karoline Jeftic und Friederike Wappler (Hg.): Rendezvous mit dem Realen. Die Spur des Traumas in den Künsten. (Erinnerungskulturen 4) Bielefeld 2014.
Stephanie Catani: Was bleibt von der Geschichte? Form und Funktion historischfiktionalen Erzählens im 21. Jahrhundert. In: Julia Schöll und Johanna Bohley (Hg.): Das erste Jahrzehnt. Narrative und Poetiken des 21. Jahrhunderts. Würzburg 2011, S. 23–35.
Ariane Eichenberg: Familie – Ich – Nation. Narrative Analysen zeitgenössischer Generationenromane. Göttingen 2009.
Friederike Eigler: Gedächtnis und Geschichte in Generationenromanen seit der Wende. Berlin 2005.
Robert Forkel: Erfahrung aus Narration. Erinnerungskulturelle Funktionen der Enkelliteratur. Phil. Diss. Halle-Wittenberg 2018.
Hans-Edwin Friedrich: Der historische Roman. Erkundung einer populären Gattung. (Beiträge zur Literatur und Literaturwissenschaft des 20. und 21. Jahrhundert 23) Frankfurt am Main [u. a.] 2013.
Sabine Friedrich: Auseinandersetzungen mit der jüngeren Zeitgeschichte in hybriden Erzählformaten. In: dies.: Semifiktionen. Stuttgart 2025, S. 101-192.
Daniel Fulda: Literarische Familienbiographien. Ein „kleiner, vorstellbarer Ausschnitt der unvorstellbar grausamen Geschichte“. In: Der Deutschunterricht 64 (2012) H. 2, S. 50–59.
Daniel Fulda und Stephan Jaeger in Zusammenarbeit mit Elena Agazzi (Hg.): Romanhaftes Erzählen von Geschichte. Vergegenwärtigte Vergangenheiten im beginnenden 21. Jahrhundert. Berlin/Boston: de Gruyter 2019.
Daniel Fulda und Stephan Jaeger: Einleitung. Romanhaftes Geschichtserzählen in einer erlebnisorientierten, enthierarchisierten und hybriden Geschichtskultur. In: Ders. und Stephan Jaeger in Zusammenarbeit mit Elena Agazzi (Hg.): Romanhaftes Erzählen von Geschichte. Vergegenwärtigte Vergangenheiten im beginnenden 21. Jahrhundert. Berlin/Boston: de Gruyter 2019, S. 1-56.
Hans Vilmar Geppert: Der historische Roman. Geschichte umerzählt – von Walter Scott bis zur Gegenwart. Tübingen 2009.
Katharina Gisbertz: Die andere Gegenwart. Zeitliche Interventionen in neueren Generationserzählungen. (Beiträge zur neueren Literaturgeschichte 391) Heidelberg 2018.
Andrew James Johnston und Kai Wiegandt: Introduction. In: Dies. (Hg.): The Return of the Historical Novel? Thinking about Fiction and History after Historiographic Metafiction. Heidelberg 2017, S. 9–18.
Christoph Leitgeb: Unheimliche Erinnerung – erinnerte Unheimlichkeit: Nationalsozialismus im literarischen Gedächtnis. München 2020.
Martin Neubauer: Frühere Verhältnisse. Geschichte und Geschichtsbewusstsein im Roman der Jahrtausendwende. (Wiener Arbeiten zur Literatur 22) Wien 2007.
Stefan Neuhaus: „Die Fremdheit ist ungeheuer“. Zur Rekonzeptionalisierung historischen Erzählens in der Gegenwartsliteratur. In: Carsten Gansel und Elisabeth Herrmann (Hg.): Entwicklungen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nach 1989. (Deutschsprachige Gegenwartsliteratur und Medien 10) Göttingen 2013, S. 23–36.
Hans-Jürgen Pandel: Die literarische Fiktion: Der historische Roman. In: ders.: Geschichtsdenken. Grundzüge einer fachspezifischen Methodik. Frankfurt am Main 2023, S. 427-429.
Paul Ricoeur: Zeit und Erzählung. Bd. 1–3. Übersetzt von Rainer Rochlitz und Andreas Knop (Bd. 3). München 1988–91 [französisch 1983–85].
Erik Schilling: Der historische Roman seit der Postmoderne. Umberto Eco und die deutsche Literatur. (Germanisch-romanische Monatsschrift. Beiheft 49) Heidelberg 2012.

 

Prüfungsstoff

Der Stoff der gesamten Vorlesung.

 

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Von 7 Fragen (je 10 Punkte) müssen mindestens 4 richtig beantwortet werden bzw. muss bei teilweiser richtiger Beantwortung ein äquivalenter Wert erreicht werden.

Notenskala: max. Punkteanzahl: 70
ab 63: 1
ab 56: 2
ab 49: 3
ab 40: 4
kleiner gleich 39: 5