Vorlesungs­verzeichnis

NdL: Gegenwartsliteratur: Experimentelle Prosa. Ernst-Jandl-Dozentur für Poetik: Bodo Hell

100017 VO 2024S

Ansicht in u:find »

Moodle

Vortragende:

Nächster Termin

Montag, 27.05.2024 18:30-21:30 Hörsaal 32 Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 9

 

Termine: MO, 4.3., 18.3., 8.4., 15.4., 29.4., 13.5., 10.6., 17.6., 24.6. (Vorlesung Eder)
18.30-20.00

MO 27.5., 19.00-21.00
Bodo Hell
1. Poetik-Vorlesung
Ort: Hörsaal 32, Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 9

MO 3.6., 19.00-21.00
Bodo Hell
2. Poetik-Vorlesung
Ort: Hörsaal 32, Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 9

Zusätzlich: DI, 4.6, 17.00-19.00 Uhr: Vorbereitung Konversatorium
Ort: Alte Schmiede, Schönlaterngasse 9, 1010 Wien

Zusätzlich: DI, 4.6, 19.00-21.00: Konversatorium zu den Vorlesungen
Ort: Alte Schmiede, Schönlaterngasse 9, 1010 Wien

Generalthema:
aufzählen erzählen querzählen
oder: versuchen wir die Folgen der einstigen Karl-May-Identifikationslektüren (unter der Bettdecke) endlich hinter uns zu lassen!
also: einige HilfsBeispiele von ProsaStrategien, dargestellt in historischen und zeitgenössischen Anregungen und an eigenen Texten,
u.z. als Legenden (Fortschreibungen), Ikonographien (qua Bildwunder: sei’s Madonnenmilch), Emblematiken (samt abseitigen Subskriptionen), Itinerare (ausnahmsweise keine stimmigen Venedig- oder SalzkammgutEindruckstexte), profane Litaneien (endreimend), Listenweisheit (zur Wortbildungslehre), WortlautMontagen (samt Trivialwendungen), Wissenschaftsprosa (in stolpernden Neologismen), schrägen Bild- und Textsorten (etwa zum automatischen Schreiben bei Jakob Lorber und Margarete Held: ‚zustandsgebundene Kunst’)
empfohlene Lektüren zum Thema sind u.a.:
-Jacobus de Voragine (‚vom Abgrund’): Legenda Aurea (diverse Ausgaben, einst weiter verbreitet als die Bibel, darin etwa die ‚Siebenschläfer’)
-Gertrude Stein: Erzählen (Übersetzung: Ernst Jandl) bibliothek suhrkamp 1971
-Ernst Jandl: sozusagen ein bild: rohrmoos sommer 72, 6 Seiten (Gertrude-Stein-Reflex)
-Ernst Jandl: kleinere ansprache an ein größeres publikum 1977 (Fäkalprosa), 4 Seiten
-Gerhard Rühm: Albertus Magnus Angelus (alphabetisch), Residenz 1989
-Friederike Mayröcker: als der bau knecht erstmals ins haus kam, (permutativ) in: je ein umwölkter gipfel luchterhand 1973
-Friederike Mayröcker: Heiligenanstalt, Suhrkamp 1978, (4 Musikerbiographien, etwa jene von Chopin aus verschollenen Briefen)
-Bodo Hell: Ritus und Rita (darin: Cäcilia), Auffahrt (Hagiographien, darin: Jakob Lorber: Die Fliege), Droschl Essay 2017, 2019
-Bodo Hell/Hil de Gard: mittendrin, Droschl 1994, darin die Kapitel Auskunft der Auskunft (114) und reales Getränk (157)
-Bodo Hell/Linda Wolfsgruber: Begabte Bäume Droschl 2023, darin: Photosynthese (Liste)

Autograph Ernst Jandl (roter Kugelschreiber auf einer Zuweisungsdiagnose, Echokardiographie 1995):
Bodo mit der Ziegenzunge
ist ein strammer alter Junge
dem das Herz nicht mehr bedeutet
als der Kuh die Glocke läutet
(For Whom The Bell tolls…)
(BODO HELL)

 

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

»Wir kommen alle aus Gertrude Steins Mantel«, hat Bodo Hell, der die Poetikvorlesungen im Rahmen der Ernst Jandl Dozentur halten wird, sinngemäß und in Abwandlung des berühmten Satzes von Dostojewski über Gogol gesagt. Er meint damit vielleicht, dass Autorinnen und Autoren, die im Bereich der sogenannten „experimentellen Prosa“ arbeiten, sich in vielen Hinsichten auf das Werk von Gertrude Stein beziehen. Anfang der 1970er Jahre hat Ernst Jandl Poetikvorlesungen von Gertrude Stein ins Deutsche übertragen, die 1971 mit dem Titel „Erzählen. Vier Vorträge“ in der Bibliothek Suhrkamp publiziert worden sind. Darin spürt Stein, auf eine Weise zwischen diskursivem und poetischem Stil, dem Phänomen des Erzählens und seiner Kritik nach: „Narrative is what anybody has to say in any way about anything that can happen has happened will happen in any way. […] Sometime anybody can get tired of it and when everybody who is anybody does get tired of it then that is the end the natural end of that way of telling it. That is what happens what has happened when everybody begins to think in a kind of a way which is a different way and that can happen of course it can.“ (Stein 1935 [2010], S. 32f.). In der Übersetzung Ernst Jandls: „Erzählung ist was jeder über irgend etwas das auf irgendeine Weise geschehen kann geschehen ist geschehen wird auf irgendeine Weise zu sagen hat. […] Zuweilen kann jeder dessen müde werden und wenn alle die jeder sind dessen müde werden dann ist das das Ende das natürliche Ende dieser Art es zu erzählen. Das ist was geschieht was geschehen ist wenn jeder auf eine gewisse Art zu denken beginnt die eine andere Art ist und das kann geschehen das kann freilich geschehen.“ (Jandl/Stein 1971, S. 59f.)
Ausgehend von der Befassung mit dem Werk Gertrude Steins soll in der Semestervorlesung von Thomas Eder die Theorie der (experimentellen) Prosa dargestellt und diskutiert werden. Ralf Simons bahnbrechende Arbeiten zur Bestimmung einer „Theorie der Prosa“ bilden das theoretische Gerüst. Es soll versucht werden, Simons allgemeinere Fassung auf experimentelle Texte anzuwenden und zu spezifizieren. Simons Grundgedanke ist es, dass relevante Gedichte eine Zuspitzung der materialen und formalen Qualitäten der Sprache zu ihrer Dominante haben. Demgegenüber findet „die Prosa als die Arbeit der Reflexion im inneren Kern des Kunstwerks statt.“ Selbstbezug anstelle von Form ist das ästhetische Feld der Prosa. „Im eigentlichen Sinne große Bücher wie [Arno Schmidts] Zettel’s Traum sind in jeder ihrer Sequenzen von einer Dichte, die dem lyrischen Gedicht in nichts nachsteht. Aber diese Prosa erzeugt Dichte nicht durch Formen, sondern durch die permanente Rekursion des prosaischen Textprinzips als solchem.“
Darüber hinaus sollen gängige narratologische Theorien aus dem Feld der so genannten „Kognitiven Poetik“ dargestellt und im Lichte von experimenteller Prosa diskutiert werden. Dabei wird die Frage nach der Plausibilität und theoretischen Validität zweier in diesem Forschungsfeld konkurrierender Theorien im Mittelpunkt stehen: zwischen den Ansätzen einer so genannten „Natural Narratology“, die im Gefolge der bahnbrechenden Studien von Monika Fludernik seit den späten 1990er Jahren vor allem das Konzept der „Experientiality“ für das rezeptionsästhetische Phänomen des Lesens von (literarischen) Narrationen verantwortlich macht. Von Fludernik’s „Natural Narratology“ unterschieden und als Kritik daran haben in jüngerer Zeit einige Forschende die Forschungsrichtung der so genannten „Unnatural Narratology“ entwickelt. Diese Forschenden gehen davon aus, dass das Konzept des Mimetischen, das der „Natural Narratology“ zugrunde liegt, zu eng gedacht ist. Denn es gäbe eine ganze Menge literarischer Texte, die eben gerade nicht auf „Realismus“ und „Mimesis“ setzten, sondern sie seien Instanzen von “anti-mimetic texts that move beyond the conventions of natural narratives” (Alber und Heinze 2011, S. 3).

 

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Mündliche Prüfungen. (1. Termin in der letzten Vorlesungseinheit, weitere Termine im gemäß der Satzung der Universität Wien vorgeschriebenen Zeitraum)

 

Literatur

Wird zu Semesterbeginn bekanntgegeben und großteils auf Moodle zur Verfügung gestellt. Wird während des Semesters laufend ergänzt.

 

Prüfungsstoff

Als in der Vorlesung zu behandelndes Textcorpus ist an (experimentelle) Prosa von Gertrude Stein, Samuel Beckett, Virginia Woolf, Friederike Mayröcker, Helmut Heißenbüttel, Arno Schmidt, Ror Wolf, Konrad Bayer, H.C. Artmann, Oswald Wiener, Elfriede Gerstl, Elfriede Jelinek und auch Bodo Hell gedacht.

Bodo Hell wird zwei Poetikvorlesungen halten (siehe Anmerkungen zum Termin).

Methoden: Vorstellen und kritische Diskussion der Theorie der Prosa sowie narratologischer Theorien im Rahmen der Semestervorlesung von Thomas Eder. Lektüren und Analyse ausgewählter Werke der „experimentellen Prosa“. Interaktiver Vorlesungsstil mit Rückfragen und Diskussion.

Prüfungsstoff: Gesamter Inhalt der Semestervorlesung Thomas Eders und die beiden Poetikvorlesungen Bodo Hells.

 

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

In der mündlichen Prüfung soll das Verständnis der theoretischen Konzepte, die während der Vorlesungen besprochen wurden, ebenso nachgewiesen werden wie die Anwendung auf die besprochenen Textbeispiele experimenteller Prosa.