Gastvortrag von Dr. Sandie Attia
Université de La Réunion
Datum: Freitag, 27.06.2025
Uhrzeit: 18:30-20:00 Uhr
Online: Der Link wird zeitnah an alle angemeldeten Teilnehmer*innen verschickt. Anmeldungen bitte an Julia Neubauer-Lipp (julia.neubauer-lipp@univie.ac.at).
Organisation: Univ.-Prof. Dr. Karen Schramm
Vor genau hundert Jahren, kurz nach dem Ende des deutschen Kolonialreichs, verwendete Heinrich Schnee zum ersten Mal den Ausdruck „koloniale Schuldlüge“¹. Damit spielte der ehemalige Gouverneur von Deutsch-Ostafrika auf die seiner Meinung nach ungerechte Entscheidung des Versailler Vertrags an, der den Deutschen ihre Kolonien entzogen hatte, weil sie unfähig gewesen seien, sie richtig zu verwalten. Indem Schnee den Alliierten Lügen unterstellte, bereitete er den Weg für den Kolonialrevisionismus, der in der Weimarer Republik und später in der NS-Diktatur wiederum (Selbst)lügen und alternative (Un)wahrheiten propagieren sollte. Das breite Spannungsfeld der damaligen Stellungnahmen reichte von der bloßen nostalgischen Verklärung der ehemaligen Kolonien über die aggressive Forderung nach ihrer Rückeroberung bis hin zur schlichten Leugnung ihres Verlusts.
An der Université de La Réunion enthalten die Bestände des Fonds Polényk² mehrere Dutzend Bücher, die zahlreiche Facetten dieses „Kolonialismus ohne Kolonien“³ aufzeigen. Ausgehend von dieser privaten Sammlung soll ein besonderer Fokus auf die Beziehungen zwischen den verlorenen deutschen Kolonien und einer deutschen Jugend, die sie nie kennengelernt hat, gelegt werden. Wie wurde der koloniale Gedanke kurz nach dem Versailler Vertrag unter der deutschen Jugend verbreitet? Und wie kann hundert Jahre später die damalige Kolonialfrage von deutsch-französischen Studierenden wieder aufgegriffen und im DaF-Unterricht behandelt werden?
Der Fonds Polényk liefert extreme Beispiele für Manipulation und Propaganda, die noch vor wenigen Jahrzehnten wirksam waren. Er lädt aber auch dazu ein, deren Mechanismen zu entlarven und der Jugend des 21. Jahrhunderts die kritischen Werkzeuge an die Hand zu geben, die eben den früheren Generationen wissentlich vorenthalten wurden. Besondere Aufmerksamkeit soll dabei dem 2022 gegründeten deutsch-französischen Studiengang „Franko-Germanistische Studien: Deutschsprachiger Raum und Überseefrankreich“ gewidmet werden. Auf der Insel Réunion, auch einer ehemaligen (französischen) Kolonie, arbeiten nun deutsche und französische Studierende gemeinsam über die koloniale Vergangenheit ihrer Länder und deren schwierigen Umgang mit kolonialen Wunschträumen und gegenseitigen Lügenunterstellungen.
Dr. Sandie Attia ist seit 2010 maître de conférences (Dozentin) an der Université de La Réunion, einem französischen Übersee-Département im Indischen Ozean. Dort ist sie Leiterin der Germanistikabteilung und des binationalen Studiengangs „Franko-Germanistische Studien: Deutschsprachiger Raum und Überseefrankreich“ (Université de La Réunion / Ruhr-Universität Bochum, gefördert von der Deutsch-Französischen Hochschule). Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die deutschsprachige Lyrik nach 1945 (Dissertation 2009 zum Thema „Zeichen und Spuren in der Lyrik Günter Eichs“ im binationalen Promotionsverfahren Université Paris-Sorbonne / Albert-Ludwigs-Universität Freiburg), der deutsche Kolonialismus und der Kolonialrevisionismus; Archivforschung und Wissenstransfer; Beziehung von Text und Bild; Fotoalbum und Literatur.
Literatur:
¹ Heinrich Schnee: „Die koloniale Schuldlüge“, in: Süddeutsche Monatshefte, 21 (1924), H. 4, Sonderdruck.
² Es handelt sich um eine bisher nur teilweise katalogisierte private Sammlung mit Schwerpunkt Ostafrika und Sansibar (Bücher, Landkarten, Postkarten, Fotografien, Stiche und Zeichnungen, Videoaufnahmen, Zeitungsausschnitte), die dem Germanisten Michel Polényk (1941 – 2009) zu verdanken ist. Michel Polényk kam in den 1960er Jahren als Deutschlehrer nach La Réunion und gründete dort 1992 das Germanistikinstitut der Université de La Réunion, das nach wie vor das einzige der französischen Überseegebiete ist. Nach seinem Tod vermachte seine Witwe Anne-Marie Polényk die Sammlung verschiedenen Institutionen der Insel. Alle Materialien zu den ehemaligen deutschen Kolonien sind in der Universitätsbibliothek aufbewahrt.
³ Michael Schubert: „Vom ‘Kolonialismus ohne Kolonien’ zum ‘Postkolonialismus’“ (Rezension über: Florian Krobb / Elaine Martin (Hg.): Weimar Colonialism. Discourses and Legacies of Post-Imperialism in Germany after 1918. Bielefeld: Aisthesis 2014.) In: IASLonline (15. März 2016), Zugriff am 18.07.2024.
